»Bist du doch selbst schuld!« – Antisemitismus ein Selbstverschulden der Juden?

»Wer mit Kippa offen rum rennt, der brauch sich nicht wundern, dass er angefeindet wird!«, oder »Die Juden schüren doch den Antisemitismus selbst!!! Die provozieren täglich mit ihrem Gehabe in Palästina!!!« , oder eben auch »Bin ja kein Antisemit, ABER die Juden sind auch nicht unschuldig an ihrer Situation! Und außerdem muss mal gut sein, was können wir Deutschen heute noch für den Holocaust?!«, sind Meinungen, die wohl jeder Jude in Deutschland sicherlich schon mal gehört, oder gelesen hat.

In der letzten Woche berichtete ich über einen antisemitischen Vorfall im Ruhrgebiet und wieder konnte ich, vor allem bei Facebook, derartige Kommentare zum geschilderten Vorfall lesen. Das Fazit der aller meisten, meist deutschen User, war: Der Jude ist am Antisemitismus vorwiegend selbst schuld!

Vor 72 Jahren endete der Zweite Weltkrieg und damit auch die industrielle Vernichtung von mehr als 6 000 000 Juden. Die Shoah (bedeutet im Hebräischen unter anderem »große Katastrophe«) begann nicht direkt mit den »Gaswagen« hinter der Ostfront, den  Massenerschießungen in Osteuropa, oder schließlich mit Zyklon-B-Gaskammern und Krematorien in Auschwitz, sondern mit der gezielten Anfeindung, Ausgrenzung und Schuldzuweisung gegenüber Juden in und außerhalb Deutschlands.

Der »moderne« Antisemitismus vermischt auf perfide Weise den Antijudaismus, vorwiegend aus dem mittelalterlichen Christentum, mit den rassistischen Grundideen des 19. Jahrhunderts. Juden wurden damit zu einer »Rasse« erklärt und die antijudaistischen Stereotypen, die Christen uns gaben, waren damit nun »vererbbar«. Die Nazis wollten mit der willigen Unterstützung vieler Deutscher, das Judentum samt Juden mit »Stumpf und Stil« aus der Welt entfernen. Waren Juden daran nun auch »vorwiegend selbst schuld«?

Deutsche Neonazis sind sich jedenfalls überwiegend einig, dass Juden am Holocaust »selbst schuld« waren, da das »internationale Judentum« mit »Sitz in den USA« einen »Krieg gegen Deutschland anzettelte«. Einzelne Boykott-Aufrufe in den 30er Jahren gegen deutsche Waren als Grund für industriellen Völkermord?

Hier vertauschen Anhänger der Täter-Ideologie Ursache und Wirkung, Opfer und Täter, wie eben auch Wahrheit und Fiktion. Die Wahrheit ist, dass amerikanische Juden als Reaktion auf den offen wachsenden Antisemitismus in Nazi-Deutschland deutsche Produkte in den USA boykottieren wollten. Keine anti-deutsche Agitation des »Weltjudentums« und auch keine Kriegserklärung gegen Deutschland, sondern einfach ein klares, wenn auch vergebenes Zeichen gegen den bedrohlichen staatlichen Antisemitismus der Nazis.

Im Bayrischen Viertel in Berlin erinnern duzende Schilder an den Beging der antisemitischen Ausgrenzung und den Holocaust in Deutschland. Die Nazis wollten Juden von Nicht-Juden trennen und beschnitten deshalb den Alltag deutscher Juden mit unzähligen Verboten, die ein normales Leben in Deutschland unmöglich machten. Gelbe Bänke nur für Juden, Juden war es untersagt an Badeseen und in Schwimmbändern schwimmen zu gehen und selbst die Tierhaltung war für Juden verboten worden. Die Ausübung der jüdischen Religion kam schließlich mit den Novemberpogromen 1938 und den damit verbundenen Übergriffen auf Synagogen (jüdische Bethäuser wurden von Nazis und ihren deutschen Unterstützer einfach abgefackelt) in Deutschland zum Erliegen. Die Nazis verbrannten, schändeten und stahlen Torah-Rollen, Tallitots (jüdische Gebetsmäntel) und andere Judaica-Gegenstände; Martin Luther hätte wohl wegen dieser grausigen Entwicklung Luftsprünge gemacht.

Im Hinblick auf diesen Teil der deutschen Geschichte ist es wirklich unverschämt, wenn Menschen in Deutschland auch heute wieder die Schuld für Antisemitismus bei Juden suchen. Jetzt wird der ein oder andere Leser sich vielleicht denken, dass doch »die Juden« in Israel »wehrlose Palästinenser ermorden« und damit selbst einen »Holocaust durchführen«. Auch diese irrsinnige Argumentation rechtfertigt den Antisemitismus, den es in Deutschland immer noch gibt, nicht im geringsten! Es kann einfach nicht sein, dass die Yarmulke (Jiddisch für Kippah), oder andere Judaica, wie der Davidstern, immer noch in Deutschland als »Freifahrtschein« für offenen Antisemitismus gelten.

Weder die Kippah, noch der Davidstern und schon gar nicht Juden selbst sind der Grund für Antisemitismus, sondern der Antisemit selbst! 

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Der »stille« Antisemitismus in Deutschland: Intro – Von Boykott und Verbot

Wie kann Antisemitismus denn überhaupt still sein?

War Antisemitismus, sowohl der gesellschaftliche, als auch der staatliche Judenhass jemals leise?

Die frühen anti-jüdischen Äußerungen und Maßnahmen der NSDAP nach Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933 verliefen alles andere als »still«, sondern am helllichten Tag und in aller Öffentlichkeit. Nach der Machtübernahme Hitlers verschärfte sich der Ton gegenüber den jüdischen Mitmenschen drastisch. Deshalb verließen schon in den ersten Monaten nach Januar 1933 vor allem die jüdischen und linken Künstler und Intellektuelle, darunter die Dirigenten Otto Klemperer und Bruno Walter, das Deutschland der Nazis.

Obwohl anhand des Wahlprogramms der NSDAP für die Reichstagswahlen im November 1932 der lupenreine Antisemitismus der Nazis unübersehbar war, herrschte keine gefühlte Panik unter der Mehrheit der etwa 525.000 Juden in Deutschland.

Der Vorstand des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, kurz CV, die Vorgängerorganisation des Zentralrats der Juden in Deutschland, äußerte sich am 30. Januar 1933 folgend:

»Im übrigen gilt heute ganz besonders die Parole: Ruhig abwarten.«

Benz, Wolfgang (Hrsg.), »Das Exil der kleinen Leute: Alltagserfahrungen deutscher Juden in der Emigration«, München 1991, S. 16

Auch die frühen Boykott-Versuche im April 1933 zeigten, wie die NSDAP immer offener versuchte Stimmung gegen deutsche Juden zu erzeugen. Der April-Boykott scheiterte vor allem daran, da in dieser frühen Phase des Nationalsozialismus die überwiegende Mehrheit der Deutschen noch nicht vom propagierten Antisemitismus »verseucht« waren. Auch die April-Gesetze von 1933 (unteranderem die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April) trugen ihren Teil dazu bei, dass die Stimmung gegen deutsche Juden immer heftiger wurde.

Mit dieser Entwicklung, die ihren Höhepunkt in den Nürnberger Rassegesetzen (15. September 1935) erreichte, wurden deutsche Juden aus der »völkischen Gesellschaft« Nazi-Deutschlands exkludiert und für den späteren Holocaust entmenschlicht. Juden sollten das Prädikat »Mensch« verlieren, damit man dementsprechend mit diesen »Nicht-Menschen« umgehen konnte.

Das diese braunen Bäume reife Früchte trugen, zeigen die Novemberpogrome 1938 ganz deutlich (→ beschrieben in meinem Artikel »9.11.1938 – Der Abend an dem die Synagogen brannten«).

Auch die Stellung der Kirchen zur sich zuspitzenden Judenverfolgung muss hier erwähnt werden. So schreibt der Historiker Klaus Scholder:

»Kein Bischof, keine Kirchenleitung, keine Synode wandte sich in den entscheidenen Tagen um den 1. April öffentlich gegen die Verfolgung der Juden in Deutschland.«

Scholder, Klaus: »Die Kirchen und das Dritte Reich«, Bd I, »Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918 – 1934«, Frankfurt a. M. 1977, S. 338 ff.

Niemand, weder in gesellschaftlichen, noch staatlichen Kreisen innerhalb Deutschlands war also wirklich »unschuldig« an der Judenverfolgung, die im Holocaust gipfelte.

Wie sieht es denn heute, 72 Jahre nach Auschwitz, nach dem unbegreiflichen industriellen Massenmord an sechs Millionen Juden aus? Ist der Antisemitismus nach der Shoah (שׁוֹאָהKatastrophe; Untergang) in Deutschland »still« geworden?

War denn der Antisemitismus jemals still?