Schluss mit Holocaust-Gedenken – Gauland, die AfD und deren Problem mit der Erinnerungskultur

Nächste Woche Sonntag, am 24.9. findet in Deutschland die Bundestagswahl 2017 statt. Der Wahlkampf tritt nun in seine letzte entscheidende Phase, wo alle Parteien noch mal alles geben müssen, um potenzielle Wähler überzeugen zu können. Auch die AfD (»Alternative für Deutschland«) buhlt um ihre potenzielle Wählerschaft in den unterschiedlichen deutschen Groß- und Kleinstädten. Dem ARD-»Deutschlandtrend« (Stand vom 14.9.) zufolge ist die AfD die drittstärkste Partei, die in den deutschen Bundestag einziehen könnte. Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) sprach in einem Interview seine Bedenken über die AfD aus: »Wenn wir Pech haben, senden diese Menschen bei der Wahl ein Signal der Unzufriedenheit, das schlimme Folgen haben wird. Dann haben wir zum ersten Mal nach Ende des Zweiten Weltkriegs im deutschen Reichstag wieder echte Nazis.«, der Außenminister könnte mit seiner Behauptung recht behalten. Vor allem die neuen Äußerungen des AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland werfen erneut die Frage auf, ob sich die AfD überhaupt glaubwürdig von Rechtsextremen abgrenzt, oder sogar abgrenzen kann.

Am 2. September kamen auf dem sogenannten »Kyffhäuser-Treffen« , einer Veranstaltung des Flügels, einer national-konservativen Gruppierung innerhalb der AfD, verschiedene Rechtsaußen-Politiker zusammen, unter anderem Björn Höcke, der am Anfang des Jahres das Shoah-Mahnmal in Berlin als »Mahnmal der Schande« bezeichnete. Darauf beschloss der Bundesvorstand ein Parteiausschluss-Verfahren gegen Höcke«, aber eröffnet wurde dieses natürlich nicht. Alexander Gauland beschrieb Björn Höcke in einem BILD-Interview als »ein Teil der Seele der AfD«. Vielleicht gerade deshalb sind die Äußerungen des AfD-Kandidaten Alexander Gauland nicht überraschend.

 

»Ja, wir haben uns mit den Verbrechen der zwölf Jahre auseinandergesetzt. Und, liebe Freunde, wenn ich mich in Europa umgucke: Kein anderes Volk hat so deutlich mit einer falschen Vergangenheit aufgeräumt wie das deutsche.«

Gauland verzichtet bewusst darauf genauer auf die »Verbrechen der zwölf Jahre« einzugehen. Aber warum? AfD-Sympathisanten werden sicher einwerfen, dass doch jedes Kind in Deutschland wisse, was die Nazis getan haben, ABER, dass das doch schon so lange her ist und man endlich die Vergangenheit ruhen lassen sollte. Kann man die Shoah, den industriellen Massenmord an 6 000 000 Jüdinnen und Juden überhaupt »ruhe lassen«? Können die Verbrechen an Behinderten, Homosexuellen, Roma und Sinti, Regimegegnern, Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen, Zeugen Jehovas und Kommunisten überhaupt verjähren?

Nicht die faschistische Clique um Adolf Hitler allein hat Europa in Schutt und Asche gelegt, hat dabei geholfen so viele Menschen »entsorgen zu lassen« und hat schlussendlich aus Deutschland einen Trümmerhaufen gemacht. Es waren unzählig viele Deutsche, die bewusst und aus vollem Herzen diesem Regime dienten. Technokraten, wie SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, machten den Holocaust doch erst möglich. Ja, die »Verbrechen der zwölf Jahre« waren doch vor allem erst wegen der vielen großen und auch kleinen deutschen Rädchen möglich; auch das verdrängt Gauland hier bewusst. Abschließend nennt er das Dritte Reich und seine Verbrechen schlicht und einfach eine »falsche Vergangenheit«, als wäre Deutschland lediglich falsch abgebogen und anschließend wieder auf seinen »tugendhaften Pfad« zurückgekehrt. Ein Schlag in das Gesicht der Überlebenden und deren Nachkommen, die immer noch unter der »falschen Vergangenheit« der Deutschen zu leiden haben.

 

»Man muss uns diese zwölf Jahre jetzt nicht mehr vorhalten. Sie betreffen unsere Identität heute nicht mehr. Und das sprechen wir auch aus.«

»Ich bin nach ’45 geboren und schulde der Welt einen Scheiß!«, liest man immer mal wieder in sozialen Netzwerken, wie Facebook, oder Twitter. Dieser Satz ist zu einem Standardargument deutscher Rechtspopulisten geworden, wenn es um die Verbrechen der Nazis und den Holocaust geht. Auch ein Gauland nimmt den Kerngedanken dieses so abgrundtiefen falschen Satzes auf und strickt damit seine eigene geschichtsrevisionistische Propaganda, die eigentlich vor allem in Neonazi-Kreisen vorherrscht. Er ist der Meinung, dass Erinnerung endlich ist und es für »patriotische« Deutsche keinen Sinn macht, dass man noch weiter an die Shoah und die anderen Verbrechen der deutschen Nazis erinnert. Immerhin seien ja die deutschen Vorfahren schuld und nicht mehr die heutige Generation.

Es bleibt mir ein Rätsel, wieso Befürworter dieser Zeilen in der notwendigen Erinnerungskultur lediglich einen »Schuldkult« sehen und diesen als »anti-deutsch« verfluchen. Es geht um eine Verantwortung, dass das, was zwischen 1933 – 1945 passierte, niemals mehr geschehen darf. Anscheinend wollen Gauland und seine rechtspopulistischen Anhänger das nicht verstehen, aber vielleicht können diese Menschen das auch gar nicht.

 

»Und deshalb, liebe Freunde, haben wir auch das Recht, uns nicht nur unser Land, sondern auch unsere Vergangenheit zurückzuholen. Wenn die Franzosen zu Recht stolz auf ihren Kaiser sind und die Briten auf Nelson und Churchill, haben wir das Recht, stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen.«

Gauland sieht im Hinblick auf die deutsche Vergangenheit nur Rechte, die Pflichten aber, die sich notwendigerweise aus einer derartigen Vergangenheit ergeben sollten, kehrt er unter den Teppich. Seine Anhänger sollen durch diese Semantik wieder mehr »Selbstbewusstsein« erleben, endlich einmal »nicht mehr schuldig sein«, denn für Gauland ist der Holocaust nur ein lästiges Hindernis für die Entfaltung von »deutschem Patriotismus«. Ganz nach dem rechts-nationalistischem AfD-Slogan: »Hol dir dein Land zurück!«

Ja, einige Franzosen sind stolz auf Napoléon Bonaparte, dem »Empereur des Français«. Aber wissen die Gauland-Befürworter denn auch, dass dieser Napoléon den »Code Civil« einführte (auch im Rheinland): ein bahnbrechendes Zivilrecht, welches Kirche und Staat trennte, eine Zivilehe einführte und den französischen Juden Gleichberechtigung versicherte. Auch ein Winston Churchill, einer der größten Politiker des 20. Jahrhunderts, hat unglaubliches geleistet. Er führte Sozialreformen ein, die im Vereinigten Königreich zu positiven Entwicklungen führten und er kritisierte die fatale Appeasement-Politik seines Vorgängers Neville Chamberlain mit Adolf Hitler und dessen Hunger nach Territorium. Doch Churchill führte sein Land auch durch den harten Krieg gegen Nazi-Deutschland, dessen Beginn er vor dem House of Commons am 13. Mai 1940 mit seiner berühmten »Blood, toil, tears, and sweat«-Rede kommentierte.

In genau diese Traditionslinie stellt nun der AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland die deutsche Wehrmacht, deren Rolle im Zweiten Weltkrieg unter Historikern unumstritten ist. Die oft verbreitete Legende von der »sauberen Wehrmacht« ist ein Mythos, eine bewusste Verharmlosung der Beteiligung der Wehrmacht an den Verbrechen Nazi-Deutschlands. An diesem Abschnitt werden sich wieder Rechtspopulisten und AfD-Sympathisanten echauffieren und kritisieren, dass ihre Väter / Großväter sicher keine Kriegsverbrecher waren und genau das hat auch niemand behauptet, denn nicht jeder Soldat der Wehrmacht war ein Verbrecher, ABER sie waren Teil eines Systems, welches Kriegsverbrechen ermöglichte.

Die Wehrmacht hielt sich systematisch nicht an Kriegsrecht und behandelte dementsprechend Gegner und Gefangene. Außerdem ermöglichte die Wehrmacht überhaupt erst die Verbrechen der SS. Die Wehrmacht war sogar aktiv am Holocaust beteiligt, wie an der Massenerschießung von ukrainischen Juden im Tal von Babyn-Jar am 29. und 30. September 1941, bei der 33. 000 Juden ermordet wurden.

Der AfD-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl 2017 Alexander Gauland fordert also das Recht, hierauf Stolz zu sein?

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Über 33.000 Juden ermordete das Sonderkommando 4a der deutschen Einsatzgruppe C am 29. und 30. September 1941 in der Schlucht Babi Jar bei Kiew. Vom Massaker selbst sind keine Bilder überliefert.

 

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Neu hinab getriebene Opfer mussten sich in der Schlucht von Babi Jar auf die Leichen der zuvor Getöteten legen. Dann erschossen die Deutschen sie aus naher Distanz. So füllte sich die Grube nach und nach mit Leichen.

 

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Kameradschaftsabend des Bremer Polizeibataillons 303, vermutlich in Kiew 1941. Nach einer Massenexekution gab es eine Extra-Ration Alkohol.
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Babij Jar, 2004, Menora aus den frühen 1990er Jahren, Stiftung Denkmal, Lutz Prieß

 

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