Judenfeindschaft auf Facebook – Gelebter Antisemitismus, seine Vorurteile und die geglaubten Mythen

Schön, dass fisch+fleisch die Artikel der einzelnen Blogger auch immer auf Facebook publiziert, sonst hätte ich wohl kaum die Chance gehabt auf die zahlreichen Perlen aus Deutschland und auch Österreich zum Thema Antisemitismus und Judenhass eingehen zu können. Die gesammelten Beiträge der Facebook-Kommentatoren sind zu zwei Artikeln von mir, die im laufe der Woche auch auf fisch+fleisch und auf deren Facebook-Präsens erschienen sind und zahlreich kommentiert wurden.

Der Artikel »Bist du doch selbst schuld!« – Antisemitismus ein Selbstverschulden der Juden?  behandelt den gegen Juden oft erhobenen stereotypen Vorwurf, dass diese am Antisemitismus »ja selbst schuld seien«, die Facebook-Kommentare machten schlussendlich deutlich, dass die im Artikel vertretende Meinung, dass man Juden immer wieder eine eigene Schuld unterschieben will, leider zutreffend ist.

Mein zweiter Artikel »Bete, Jude!« – Die Geschichte von Rabbi Hagerman handelt von dem Rabbiner Moshe Yitzhak Hagerman, der in einem polnischen Dorf von deutschen Nazis misshandelt und anschließend öffentlich zum Gebet gezwungen wurde, um ihn verhöhnen zu können. Auf diesen Artikel gab es zahlreiche Reaktionen, die vor allem zeigten, wie offen deutsche Facebook-User antisemitische Stereotypen und lupenreinen Judenhass verbreiten.

Natürlich gab es in den Facebook-Diskussionen zu meinen Artikeln auch User, die sich offen gegen den dort verbreiteten Antisemitismus stark machten, diese stellten aber leider doch eher die kleinere Gruppe. Im Verlauf dieses Essays werde ich auf jeweils drei Facebook-Reaktionen zu meinen beiden Artikeln eingehen.

 

»Bist du doch selbst schuld!« – Antisemitismus ein Selbstverschulden der Juden?  

 

  1. Barbara

Barbara

Barbara springt mit ihrem Argument, dass »der Antisemitismus von einer ganz anderen Seite kommt«, nämlich von den »Migranten, die den Antisemitismus mit der Muttermilch aufgesogen haben.«, auf den Zug der Rechtspopulisten auf. Vor allem die angeblichen »Philosemiten« innerhalb der AfD, FPÖ und anderen bekannten Parteien, behaupten gerne, dass der »moderne Antisemitismus« (hat sich Judenhass denn wirklich »modernisiert«?) ausschließlich von Muslimen und ihren linken Helfershelfern ausginge.

Auf den berechtigten Hinweis, dass Antisemitismus auch immer noch in der deutschen Gesellschaft vorhanden ist, reagieren Rechtspopulisten meist identisch, wie die gute Barbara auch, nämlich mit einer patzigen Standardreaktion:

»Ich finde es nicht fair, den schwarzen Peter nur der deutschen Bevölkerung zuzuschieben«. 

Nein, niemand schiebt den »schwarzen Peter« nur der deutschen Bevölkerung zu, aber auch wenn es unter radikalen und vor allem jungen Muslimen einen ausgeprägten Antisemitismus gibt, heißt das nicht, dass man die deutschen Antisemiten, die es sich vor allem in der Mitte der Gesellschaft kuschelig gemacht haben, ignorieren kann.

 

  1. Bernd

Bernd

»„Antisemitismus ein Selbstverschulden der Juden“? Wenn man sich die Aktivitäten von einigen prominenten Juden in der Welt anschaut, liegt das durchaus im Bereich des Möglichen.«, 

die antisemitische Geisteshaltung ist bei dem User Bernd ziemlich deutlich erkennbar, dabei macht er sich kaum Mühe seine Vorurteile zu verbergen.

»Davon abgesehen kann die Unbeliebtheit der Juden bei den Assyrern, den Ägyptern, den Römern bis hin zu den Deutschen wohl kaum in jedem Fall an einer Intoleranz der unterwanderten Völker gelegen haben.«, 

er unterstellt Juden, dass diese andere Völker sogar »unterwandern« würden und nutzt damit eines der beliebtesten antisemitischen Stereotypen des Nationalsozialismus.

Die Nazis waren der Meinung, dass Juden sich wie »Schädlinge« (Juden wurden in der NS-Propaganda meist mit »Ratten« verglichen) in einer Gesellschaft einnisten, aus dieser partizipieren und anschließend das »unterwanderte Volk« in den Untergang reißen würden. Bernd versucht Juden als schädliche Schmarotzer zu diffamieren und dieses unterstellte Verhalten als Grund für Antisemitismus zu deuten.

 

  1. Heinz:

Heinz

Der User Heinz fährt eine ganze Palette von antisemitischen Klischees und Stereotypen über Juden auf, die letztendlich nur belegen, wie stark er in seiner antisemitischen Haltung gefangen ist.

»Die gesamte Film Industrie die sich in jüdischer Hand befindet und einige Groß Bankiers wie Goldman Sachs , Rothschild usw…«,

natürlich dürfen in einem klassischen antisemitischen Kommentar die »Hauptübeltäter« nicht fehlen, nämlich jüdische Großfinanciers, jüdische Banker und Bankunternehmen und schließlich die gesamte amerikanische Film-Industrie.

Sie alle spielen für Antisemiten die entscheidende Rolle für eine allumfassende sogenannte »jüdische Weltverschwörung«. Diese verschwörungstheoretische Idee von einer »jüdischen Clique« wurde in Deutschland unter Hitler und seine Schergen zu einer der beliebtesten antisemitischen Aussagen im Repertoire des NS-Antisemitismus.

»…sowie die ständigen finanziellen Forderungen der wieder Gutmachung der Verbrechen der Nazi`s an Generationen die zu dieser Zeit noch nicht geboren waren sowie der Versuch des ständigen Schüren des schlechten Gewissen´s sowie die Anektion des heute ehemaligen Palestinensergebietes, die Siedlerpolitik die heute betrieben wird , das alles macht die jüdische Bevölkerung – oder ihre Politiker – nicht gerade beliebter.«,

das immer wieder bei Antisemiten vorkommende Argument der »finanziellen Forderung der Wiedergutmachung« nach der Shoah wird oft auch damit verknüpft, dass Juden bzw. Israel das heutige Deutschland mit seiner eigenen Geschichte »unter Druck setzt«, um so finanzielle Mittel »zu erpressen«. Dadurch versucht man Juden als skrupellos zu diffamieren, da sie ja angeblich mit ihren Opfern Profit schlagen wollen. Auch der Nahostkonflikt ist für Antisemiten der ausschlaggebende Garant dafür, warum Juden am Antisemitismus »selbst schuld« sind. Eine objektive Betrachtung der geopolitischen Entwicklungen in Nahost werden von Antisemiten meist gar nicht beachtet, da dadurch das Bild von den »bösen Juden« und den »armen Palästinensern« als klischeehafte Vereinfachung des Nahostkonflikts enttarnt wird.

»Ich kann verstehen dass man den Holocaust nicht vergessen kann und soll, aber die neue Generation sollte doch einen anderen Zugang zu ihrer Geschichte haben und nicht andere Völker als Nazi`s bezeichnen.«

Niemand bezeichnet »andere Völker« als Nazis, auch wird das heutige Deutschland nicht mit dem »Nazi-Deutschland« gleichgesetzt. Junge Israelis reisen gerne nach Deutschland, nicht zuletzt aus dem Grund den familiären Spuren in Europa vor der Shoah auf den Grund zu gehen. Doch der Umgang mit der deutschen Geschichte und eben auch des Holocaust, setzt voraus, dass man weiß, dass in Deutschland von 1933 – 1945 die Nationalsozialisten zahlreiche Unterstützer in der deutschen Bevölkerung hatten, die eben auch den eliminatorischen Antisemitismus mit trugen.

 

»Bete, Jude!« – Die Geschichte von Rabbi Hagerman

  1. Stephan

Stephan

»Ich kann es nicht mehr sehen und hören. Seit Jahrzehnten werde ich mit den Taten mir völlig fremder Menschen malträtiert. Die sind damals alle diesem völlig irren Hitler nachgerannt. Ja, zum Kuckuck!!! Ich kenne keinen Deutschen, der heute vor hat , die Weltherrschaft zu erringen. Und bis auf wenige Spinner glaubt auch keiner mehr, dass die arische Rasse überlegen- wenn nicht sogar göttlichen Ursprungs ist. Und nein!!!! Wir Deutschen wollen keinen Juden töten! Nicht einen!!! Amen«

Was viele Menschen in Deutschland nicht verstehen wollen, oder vielleicht auch einfach nicht können, ist, dass es bei Geschichten aus dem Holocaust nicht um eine plumpe Schuldzuweisungen geht, oder um die abstruse Behauptung, Deutschland wolle wieder zurück zu einer Diktatur und alle Deutsche sind Täter. Doch eben genau das versuchen wutentbrannte Kommentare, wie der von Stephan, Shoah-Erinnerungen zu unterstellen.

Die Erinnerung an die Opfer und auch die Täter der Shoah sollen nicht »malträtieren«, sondern mahnen, aufklären und die Menschen für Antisemitismus und Rassismus sensibilisieren. Der Holocaust wurde Teil der jüdischen, aber auch der deutschen Identität. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob man Täter, oder auch Opfer in der Familie hatte. Die gemeinsame Geschichte verbindet, aber verpflichtet uns auch gleichzeitig. Vor allem, wo doch Menschen, wie Stephan, z.B. der Türkei und Türken oft genug vorwerfen, sie würden sich kaum bis gar nicht mit dem Völkermord an den Armeniern beschäftigen.

Zwar glaubt Stephan und man kann es nur hoffen, dass es keine Deutschen gibt, die Juden ermorden wollen, aber dabei blendet er wohl bewusst, vielleicht auch aus Selbstschutz unbewusst, deutsche Antisemiten aus.

 

  1. Dirk

Dirk 1 + 2

Dirk glaubt auch fest an weit verbreitete antisemitische Stereotypen und die sogenannte »jüdische Weltverschwörung«, die ihre »Fäden in den höchsten Kreisen von Politik und Wirtschaft ziehen«:

»Christen gegen Moslems ! Und wer ist der lachende Dritte ? 🙄🙄🙄🙄 Ich habe mich mit diesem Thema 2 Jahre beschäftigt! Ist leider so !!!! Merkel wird geführt von den Mächtigen! Und wer sind diese ? Banken !!!! Und wem gehören sie ? Genau !!!! Könntest das verstehen !!!!! 🤦‍♂️🤦‍♂️🇩🇪« 

Immer wieder findet man in den Diskussionen über die EU, die Flüchtlingskrise, deutsche Politik und der Kritik an Frau Dr. Angela Merkel antisemitische Tendenzen, Spitzen, oder gar eindeutigen Antisemitismus. Meist unterstreichen Antisemiten ihre Aussagen mit einer angeblichen »gründlichen Recherche«, so wie Dirk, der angibt, dass er sich mit diesem Thema schon ganze zwei Jahre beschäftigt hätte. Doch ernstzunehmend seriöse Quellen, oder Belege dafür, dass wirklich eine »kleine einflussreiche jüdische Clique« die Weltpolitik beeinflusst, werden nie gebracht.

In seinem Kommentar will Dirk auch bekanntes stereotypes Bild pflegen, welches Juden als »Unruhestifter« zeigen will:

»Christen gegen Moslems ! Und wer ist der lachende Dritte ? 🙄🙄🙄🙄«

Die Juden sollen als Sündenbock herhalten, die an den Konflikten, Nöten und Problemen der Welt beteiligt sind, oder sogar die Initiatoren des ganzen Schlamassels sein müssen. Eine solche Annahme verhindert, dass sich Antisemiten mit ihren eigenen und vor allem privaten Nöten objektiv auseinander setzen können. Die sogenannte Sündenbock-Theorie ist auch oft bei syrischen Flüchtlingen zu registrieren, die oft der Annahme sind, dass eben nicht das Assad-Regime, der Islamische Staat, oder Al-Nusra am Leid der syrischen Bevölkerung beteiligt sind, sondern lediglich ominöse Zionisten, die »alle gegeneinander ausspielen«. Das sind die klassischen antisemitischen Denkstrukturen, die es einer Problemlösung schwer machen.

 

3) Doris

Doris

»Ich bin 1959 geboren warum soll ich dafür geradestehen es war nicht richtig und die juden tun mir in der seele leid aber es steht auch in der biebel das der jude auf ewig das verfolgte folk sein wird und waum weil sie gottes sohn an den pfahl gebracht haben.«

Doris repräsentiert mit ihrem Kommentar den Archetypus des christlichen Antijudaismus. Anti-Jüdische Ausgrenzung und gewaltsame Pogrome erklärt sie damit, dass »die Juden Gottes Sohn an den Pfahl gebracht haben«. Damit bedient sich Doris dem mittelalterlichen Vorwurf gegenüber Juden, sie seien »Gottesmörder«. Bis heute wird vor allem in konservativen Kreisen der katholischen Kirche in der Karfreitagsliturgie die Meinung vertreten, dass Juden nicht nur den »Messias Jesus«, sondern sogar Gott getötet haben. Das 2. Vatikanum, besonders der Punkt Nostra Aetate versuchte gegen die pauschalisierte Anschuldigung vorzugehen. Dennoch bleibt der Vorwurf Juden seien »Gottesmörder« bis heute im Standardrepertoire der Antisemiten. Im Bezug auf den Holocaust versucht sich Doris mit der allgemein bekannten Ausrede »Bin nach ’45 geboren und schulde der Welt einen Scheiß«, herauszureden. Wieso sollten sich dann noch Juden, 2000 Jahre nach der Kreuzigung von Jesus, der christlichen Verleumdung aussetzen?

 

Die sechs von mir vorgestellten Facebook-Kommentare, die entweder lupenreinen Antisemitismus pflegen, oder diesen versuchen zu verharmlosen, beweisen exemplarisch, wie stark antisemitische Stereotypen und anti-jüdische Hetze in den deutschsprachigen sozialen Netzwerken verbreitet sind. Erneut wird der Antisemitismus salonfähig, vor allem das Schweigen der liberalen und freiheitlichen demokratischen Gesellschaft trägt dazu bei, dass der Judenhass nicht mehr nur in den radikalen Spektren (extremistische Linke, Rechte und Muslime) zu finden ist, sondern nun auch wieder ein Teil der deutschen Gesellschaft wurde.

»Bist du doch selbst schuld!« – Antisemitismus ein Selbstverschulden der Juden?

»Wer mit Kippa offen rum rennt, der brauch sich nicht wundern, dass er angefeindet wird!«, oder »Die Juden schüren doch den Antisemitismus selbst!!! Die provozieren täglich mit ihrem Gehabe in Palästina!!!« , oder eben auch »Bin ja kein Antisemit, ABER die Juden sind auch nicht unschuldig an ihrer Situation! Und außerdem muss mal gut sein, was können wir Deutschen heute noch für den Holocaust?!«, sind Meinungen, die wohl jeder Jude in Deutschland sicherlich schon mal gehört, oder gelesen hat.

In der letzten Woche berichtete ich über einen antisemitischen Vorfall im Ruhrgebiet und wieder konnte ich, vor allem bei Facebook, derartige Kommentare zum geschilderten Vorfall lesen. Das Fazit der aller meisten, meist deutschen User, war: Der Jude ist am Antisemitismus vorwiegend selbst schuld!

Vor 72 Jahren endete der Zweite Weltkrieg und damit auch die industrielle Vernichtung von mehr als 6 000 000 Juden. Die Shoah (bedeutet im Hebräischen unter anderem »große Katastrophe«) begann nicht direkt mit den »Gaswagen« hinter der Ostfront, den  Massenerschießungen in Osteuropa, oder schließlich mit Zyklon-B-Gaskammern und Krematorien in Auschwitz, sondern mit der gezielten Anfeindung, Ausgrenzung und Schuldzuweisung gegenüber Juden in und außerhalb Deutschlands.

Der »moderne« Antisemitismus vermischt auf perfide Weise den Antijudaismus, vorwiegend aus dem mittelalterlichen Christentum, mit den rassistischen Grundideen des 19. Jahrhunderts. Juden wurden damit zu einer »Rasse« erklärt und die antijudaistischen Stereotypen, die Christen uns gaben, waren damit nun »vererbbar«. Die Nazis wollten mit der willigen Unterstützung vieler Deutscher, das Judentum samt Juden mit »Stumpf und Stil« aus der Welt entfernen. Waren Juden daran nun auch »vorwiegend selbst schuld«?

Deutsche Neonazis sind sich jedenfalls überwiegend einig, dass Juden am Holocaust »selbst schuld« waren, da das »internationale Judentum« mit »Sitz in den USA« einen »Krieg gegen Deutschland anzettelte«. Einzelne Boykott-Aufrufe in den 30er Jahren gegen deutsche Waren als Grund für industriellen Völkermord?

Hier vertauschen Anhänger der Täter-Ideologie Ursache und Wirkung, Opfer und Täter, wie eben auch Wahrheit und Fiktion. Die Wahrheit ist, dass amerikanische Juden als Reaktion auf den offen wachsenden Antisemitismus in Nazi-Deutschland deutsche Produkte in den USA boykottieren wollten. Keine anti-deutsche Agitation des »Weltjudentums« und auch keine Kriegserklärung gegen Deutschland, sondern einfach ein klares, wenn auch vergebenes Zeichen gegen den bedrohlichen staatlichen Antisemitismus der Nazis.

Im Bayrischen Viertel in Berlin erinnern duzende Schilder an den Beging der antisemitischen Ausgrenzung und den Holocaust in Deutschland. Die Nazis wollten Juden von Nicht-Juden trennen und beschnitten deshalb den Alltag deutscher Juden mit unzähligen Verboten, die ein normales Leben in Deutschland unmöglich machten. Gelbe Bänke nur für Juden, Juden war es untersagt an Badeseen und in Schwimmbändern schwimmen zu gehen und selbst die Tierhaltung war für Juden verboten worden. Die Ausübung der jüdischen Religion kam schließlich mit den Novemberpogromen 1938 und den damit verbundenen Übergriffen auf Synagogen (jüdische Bethäuser wurden von Nazis und ihren deutschen Unterstützer einfach abgefackelt) in Deutschland zum Erliegen. Die Nazis verbrannten, schändeten und stahlen Torah-Rollen, Tallitots (jüdische Gebetsmäntel) und andere Judaica-Gegenstände; Martin Luther hätte wohl wegen dieser grausigen Entwicklung Luftsprünge gemacht.

Im Hinblick auf diesen Teil der deutschen Geschichte ist es wirklich unverschämt, wenn Menschen in Deutschland auch heute wieder die Schuld für Antisemitismus bei Juden suchen. Jetzt wird der ein oder andere Leser sich vielleicht denken, dass doch »die Juden« in Israel »wehrlose Palästinenser ermorden« und damit selbst einen »Holocaust durchführen«. Auch diese irrsinnige Argumentation rechtfertigt den Antisemitismus, den es in Deutschland immer noch gibt, nicht im geringsten! Es kann einfach nicht sein, dass die Yarmulke (Jiddisch für Kippah), oder andere Judaica, wie der Davidstern, immer noch in Deutschland als »Freifahrtschein« für offenen Antisemitismus gelten.

Weder die Kippah, noch der Davidstern und schon gar nicht Juden selbst sind der Grund für Antisemitismus, sondern der Antisemit selbst! 

Der »stille« Antisemitismus in Deutschland: Intro – Von Boykott und Verbot

Wie kann Antisemitismus denn überhaupt still sein?

War Antisemitismus, sowohl der gesellschaftliche, als auch der staatliche Judenhass jemals leise?

Die frühen anti-jüdischen Äußerungen und Maßnahmen der NSDAP nach Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933 verliefen alles andere als »still«, sondern am helllichten Tag und in aller Öffentlichkeit. Nach der Machtübernahme Hitlers verschärfte sich der Ton gegenüber den jüdischen Mitmenschen drastisch. Deshalb verließen schon in den ersten Monaten nach Januar 1933 vor allem die jüdischen und linken Künstler und Intellektuelle, darunter die Dirigenten Otto Klemperer und Bruno Walter, das Deutschland der Nazis.

Obwohl anhand des Wahlprogramms der NSDAP für die Reichstagswahlen im November 1932 der lupenreine Antisemitismus der Nazis unübersehbar war, herrschte keine gefühlte Panik unter der Mehrheit der etwa 525.000 Juden in Deutschland.

Der Vorstand des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, kurz CV, die Vorgängerorganisation des Zentralrats der Juden in Deutschland, äußerte sich am 30. Januar 1933 folgend:

»Im übrigen gilt heute ganz besonders die Parole: Ruhig abwarten.«

Benz, Wolfgang (Hrsg.), »Das Exil der kleinen Leute: Alltagserfahrungen deutscher Juden in der Emigration«, München 1991, S. 16

Auch die frühen Boykott-Versuche im April 1933 zeigten, wie die NSDAP immer offener versuchte Stimmung gegen deutsche Juden zu erzeugen. Der April-Boykott scheiterte vor allem daran, da in dieser frühen Phase des Nationalsozialismus die überwiegende Mehrheit der Deutschen noch nicht vom propagierten Antisemitismus »verseucht« waren. Auch die April-Gesetze von 1933 (unteranderem die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April) trugen ihren Teil dazu bei, dass die Stimmung gegen deutsche Juden immer heftiger wurde.

Mit dieser Entwicklung, die ihren Höhepunkt in den Nürnberger Rassegesetzen (15. September 1935) erreichte, wurden deutsche Juden aus der »völkischen Gesellschaft« Nazi-Deutschlands exkludiert und für den späteren Holocaust entmenschlicht. Juden sollten das Prädikat »Mensch« verlieren, damit man dementsprechend mit diesen »Nicht-Menschen« umgehen konnte.

Das diese braunen Bäume reife Früchte trugen, zeigen die Novemberpogrome 1938 ganz deutlich (→ beschrieben in meinem Artikel »9.11.1938 – Der Abend an dem die Synagogen brannten«).

Auch die Stellung der Kirchen zur sich zuspitzenden Judenverfolgung muss hier erwähnt werden. So schreibt der Historiker Klaus Scholder:

»Kein Bischof, keine Kirchenleitung, keine Synode wandte sich in den entscheidenen Tagen um den 1. April öffentlich gegen die Verfolgung der Juden in Deutschland.«

Scholder, Klaus: »Die Kirchen und das Dritte Reich«, Bd I, »Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918 – 1934«, Frankfurt a. M. 1977, S. 338 ff.

Niemand, weder in gesellschaftlichen, noch staatlichen Kreisen innerhalb Deutschlands war also wirklich »unschuldig« an der Judenverfolgung, die im Holocaust gipfelte.

Wie sieht es denn heute, 72 Jahre nach Auschwitz, nach dem unbegreiflichen industriellen Massenmord an sechs Millionen Juden aus? Ist der Antisemitismus nach der Shoah (שׁוֹאָהKatastrophe; Untergang) in Deutschland »still« geworden?

War denn der Antisemitismus jemals still?

»Don’t forget the US embassy moving to Jerusalem!«

»Don’t forget the US embassy moving to Jerusalem!«, twittert Elie Leshem, stellvertretender Herausgeber der »Times of Israel« nach dem Wahlsieg von Donald Trump. Vor allem in Israel hofft man nun auf eine deutlichere pro-israelische Politik seitens der USA.

In einer Rede vor dem AIPAC (American Israel Public Affairs Committee) im März 2016 bekräftigte Donald Trump, dass er bei einem Wahlsieg die Beziehung zwischen der USA und Israel noch verstärken würde. Eines seiner Hauptanliegen ist es, dass die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegt wird, was eine deutliche Ansage sein würde. Denn nicht jeder Staat erkennt den Status Jerusalems als Hauptstadt Israels an, sodass Länder, wie Deutschland, Österreich, oder eben auch die USA ihre Botschaften in Tel Aviv unterhalten, anstatt in der israelischen Hauptstadt (denn das israelische Parlament, die Knesset, befindet sich in Jerusalem). Ein weiterer Punkt, den Trump immer wieder bekräftigt hatte, ist der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus im Nahen Osten und die militärische Unterstützung Israels seitens der USA.

Vor allem Hillary Clinton wird in den konservativen Kreisen Israels abgelehnt, da sie auch im Zusammenhang mit der herablassende Israel-Politik Obamas gesehen wird, die für ein eisiges Klima zwischen Präsident Obama und Ministerpräsident Netanyahu sorgte. Obwohl Clinton jüngst noch betonte, dass die gegen eine äußere Einmischung in den Nahost-Konflikt sei, wird das in Israel wohl die Mehrheit nicht überzeugen können.

Es bleibt spannend, ob und wie Trump, der seit dem 9. November nun amtlich der designierte 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist, seine Israel-Politik umsetzen wird. Vor allem im Angesicht der antisemitischen UNESCO-Resolution um den Tempelberg, der jegliche jüdische Beziehung leugnet, wird Israel gespannt bleiben, wie Trump sich verhalten wird.

Tag des Judenhasses – Der al-Quds-Tag in Berlin

Der internationale al-Quds-Tag rückt näher und bildet wieder einmal ein ideales Sammelbecken für Antisemiten, Antizionisten und Israelfeinden. Auch in Berlin wird es in diesem Jahr wieder eine Demonstration am al-Quds-Tag geben. Wie gewohnt wird dieser auf dem Adenauerplatz im Herzen Berlins stattfinden. Einen anderen al-Quds-Tag im deutschsprachigen Raum wird es auch wieder in Wien geben.

In den Jahren davor fielen diese antisemitischen Großtreffen im Herzen der Bundesrepublik (und eben auch Österreichs) immer wieder negativ auf, besonders da offen gegen Juden und Israel gehetzt wurde.

Was ist eigentlich dieser al-Quds-Tag? 

Der al-Quds-Tag (Internationaler Jerusalemtag) ist ein iranischer Feiertag, der als ein Kampftag gegen Israel und den Zionismus inszeniert wird. Besonders wird die »Befreiung Jerusalems von den zionistischen Besatzern« in den Mittelpunkt gesetzt. Damit wird gemeint, dass Jerusalem, die legitime Hauptstadt des Staates Israel, für Muslime und den Islam zurückerobert werden muss.

Die Initiatoren des al-Quds-Tags in Berlin kündigen diesen Tag, wie folgt an:

Aufruf zur Qudstag Demonstration am internationalen Jerusalemtag!

Für ein freies Palästina und ein gleichberechtigtes Zusammenleben aller Religionsgemeinschaften.

Samstag, 2. Juli 2016
14:30 Uhr Berlin - Adenauerplatz

über den Kurfürstendamm zum Wittenbergplatz

Widerstand der „Völkergemeinschaft“ gegen die kriegerische „Weltherrschaft“

Die Welt ist weder sicherer noch gerechter geworden. Im Gegenteil: Terroranschläge und Bürgerkriege werden noch brutaler weitergeführt und die Zahl der Opfer steigt rasant. Ob amerikanische und israelische Drohnen oder saudi-arabische Kampfflugzeuge im Einsatz sind, ob wahabitisch-extremistische Attentäter zuschlagen – das Ergebnis ist jedes Mal das gleiche: die Zerstörung der Lebensgrundlage vieler islamischer Völker, wodurch eine Völkerwanderung in Richtung Europa ausgelöst wurde.

Der „Krieg gegen den Terror“, der seit dem 11.September 2001 unter der Führung der USA bis heute anhält, hat sich inzwischen als ein Terrorkrieg gegen die islamischen Völker enttarnt. Wir alle sind dazu verpflichtet, gegen diesen unmenschlichen Terrorkrieg Widerstand zu leisten.
Warum Widerstand und wie der in Europa verwirklicht werden soll – dies wird am Qudstag thematisiert. Der Jerusalemtag ist ein Anlass, gemeinsam gegen die Unmenschlichkeit zu demonstrieren, um den Willen der Kriegstreiber zu brechen.

Ob Muslime, Christen oder Juden, ob Araber, Türken oder Deutsche – alle zusammen bilden wir die „Völkergemeinschaft“.

Qudstag ist der Tag der Unterstützung des Widerstandes.


Allein aus diesem kurzen Info-Flyer entsteht ein klares Freund-Feind-Schema, eine immer gleiche Ideologie des Hasses und der Lügen: die »bösen« Juden und ihre amerikanischen Unterstützer wollen die armen islamischen Völker vernichten. Von  der brutalen Verfolgungen von Eziden und Christen spricht der Flyer natürlich nicht, denn diese Menschen werden ja nicht durch das verhasste Israel, oder die USA, ermordet. Also kaum erwähnenswert für diese Friedensengel.

Gerne wird verschwiegen, dass Israel, die einzige Demokratie im Nahen Osten ist, wo Menschen egal welcher Hautfarbe, Religion, Geschlechts, oder sexueller Ausrichtung in Frieden leben können. Es passt schlicht und einfach nicht ins Konzept der Antisemiten und Antizionisten, also müssen sie einen drohenden Genozid an den »islamischen Völkern« erfinden, diese Lüge reißerisch aufbereiten und Juden als die bösen Initiatoren im Hintergrund präsentieren. Ein lupenreiner Antisemitismus eben, der sogar vom deutschen Staat toleriert und von einigen Parteien offen unterstützt wird.

„Es ist eine Schande, dass in Berlin Raum gelassen wird für Antisemitismus und Israel-Hass. Denn nichts anderes haben die Al-Quds-Demonstrationen der vergangenen Jahre zutage gefördert, und nichts anderes ist auch in diesem Jahr zu erwarten” 

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

Und dennoch wird dieser schändliche Tag in Berlin zelebriert, nicht nur von Muslimen, sondern auch von deutschen Linken und Rechten, die glücklich vereint gegen Israel und  Juden hetzen können. Wenn es gegen Israel und die Juden geht, dann sind auch die ärgsten Feinde auf einmal gute Freunde.

Einen Lichtblick gab es aber in dieser Woche schon, denn der Berliner Innensenator Frank Henkel (CDU) hat es geschafft! Am kommenden Samstag sind Fahnen der libanesisch-islamistischen Terrormiliz Hisbollah verboten. In der Vergangenheit waren auf den al-Quds-Demonstrationen in Berlin viele Libanesen, die ihre Sympathie mit der judenhassenden Terrormiliz Hisbollah zeigten.

Im Angesicht der Flüchtlingssituation ist es wichtiger denn je, dass die deutsche Gesellschaft Sympathie mit Jüdinnen und Juden in Deutschland und eben auch gegenüber dem Staat Israel, der sichersten Heimstätte des Judentums, zeigt. Denn nicht wenige Geflohene muslimischen Glaubens verachten Juden und auch den Staat Israel, denn dank der Propaganda des syrischen Diktators Assad und des verschwörungstheoretischen Hasses gegenüber Juden im Nahen Osten, haben viele Menschen, die nach Deutschland kommen, Vorurteile gegenüber Jüdinnen und Juden.

Der Antisemitismus der Populisten – Judenhass in Deutschland

Es scheint fast so, als wäre der Populismus gerade ein neuer Trend in der gesellschaftlichen Landschaft Deutschlands. Egal in welcher politischen, oder religiösen Ausprägung, man begegnet in Deutschland nun öfter irgendeiner Form von Populismus.

Zum einen gibt es da die Wutbürger und Rechtspopulisten von AfD, PEGIDA und Co., aber eben auch die Linkspopulisten und USA/Nato-Gegner um Sarah Wagenknecht (sie wurde auf dem diesjährigen Parteitag der Linken deshalb »getortet«). Dazwischen liegen die Querfrontler und Verschwörungstheoriepopulisten, wie Jürgen Elsässer, Ken Jesben (KenFM), aber auch der Sänger Xavier Naidoo, der auf einer Demonstration von Reichsbürgern von der BRiD GmbH geredet hatte.

Auch innerhalb von Religionsgemeinschaften wird der Populismus für manch einen Vertreter immer attraktiver, besonders wenn es darum geht fadenscheinige Argumente anzuführen, warum die eigene Religion »besser« sei. Man könnte ja jetzt meinen, dass das doch ein alter Hut sei, aber im Moment bekommt diese Art von religiösem Populismus wieder mehr Aufwind, besonders im Schatten des IS, der daraus resultierenden Flüchtlingskrise, Christenverfolgung und die pauschalisierte Verurteilung von Muslimen.

Doch alle genannten Formen des »trendigen« Populismus haben eine Gemeinsamkeit: den Antisemitismus.

Natürlich wird der Antisemitismus von jeder populistischen Gruppe anders vertreten und ausgedrückt, aber alle haben gemeinsam, dass man »die Juden« für gewisse politische und gesellschaftliche Entwicklungen verantwortlich macht. Dabei bedienen sich populistische Antisemiten gewisser Tricks und Täuschungen, besonders, um den Vorwurf des Antisemitismus ablegen zu können.

Die Amadeu Antonio Stiftung hat auf ihrer offiziellen Homepage eine Liste veröffentlicht, die die gängigsten antijüdischen und antisemitischen Stereotypen vorstellt und widerlegt:

  1. »Ich habe ja nichts gegen Juden, aber…
  2. »Kindermörder Israel!« (besonders beliebt seit dem Sommer 2014)
  3. »Die Zionisten sind die Nazis von heute!«
  4. »Araber sind auch Semiten«
  5. »Die Deutschen haben auch gelitten«
  6. »Es muss auch mal Schluss sein« (wird gerne von Rechten verwendet)
  7. »Da stecken doch die Zionisten dahinter«
  8. »Israel hat kein Recht zu existieren«
  9. »Die wahren Juden sind gegen Zionismus« (Aussage auf dem Berliner al-Quds-Tag)
  10. »Man darf ja nichts sagen, sonst ist man gleich ein Antisemit«

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Pro-Palästina Demonstration der LinksJugend in Essen, Sommer 2014

Der Sommer 2014 hat auf dramatische Weise gezeigt, wie stark und deutlich Antisemitismus innerhalb Deutschlands noch wirksam sein kann. Während im Nahen Osten 2014 der Konflikt zwischen Israel und dem Terrorregime der Hamas in Gaza  auf seinem Höhepunkt war, entflammte auch in Deutschland und dem restlichen Europa der Antisemitismus in einer seit 1945 nicht da gewesenen Weise.

Hamas! Hamas! Juden ins Gas! 

Auf einer Pro-Palästina-Demo in Frankfurt

In zahlreichen deutschen Großstädten protestierten tausende von Menschen gegen Israel, den Zionismus und eben auch gegen Juden. Es waren keine Friedensdemos, wie man sie noch vom Irak-Kriegs 2002 kannte, sondern diese Protestbewegungen hatten einen feindlichen und vor allem aggressiven Charakter. Gegen Israel und das Judentum formierten sich Linke, Rechte und eben auch Muslime; ein Potpourri von Ideologien und Anschauungen, welche heute nur sehr schwierig an einen Tisch zu kriegen sind.

Auf den Demos wurden Parolen skandiert, wie:

»Hamas! Hamas! Juden ins Gas!«


oder, wie diese Äußerung in Berlin:

»Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf‘ allein!«


Damit war die ständige Schutzbehauptung der Antisemiten, sie würden ja »nur« die israelische Regierung und die Zionisten kritisieren (diese sein ja nicht »die Juden«), als Lüge enttarnt worden. Auf den Kundgebungen und Demonstrationen wurde eben nicht zwischen Zionisten, Israelis und Juden unterschieden, sondern der Hass richtete sich gegen Juden im Allgemeinen. In Berlin gab es Übergriffe gegen Personen, die eindeutig als jüdische Mitbürger zu erkennen waren. Die Kippah und der Davidstern wurden zu gefährlichen Symbolen.

Aber auch in anderen deutschen Großstädten eskalierten diese von Wut und Hass getriebenen Demonstrationen.

Dieses Video zeigt die dramatische Eskalation in Essen am 18.7.2014. Dort hatten Demonstranten der Pro-Palästina-Demo, die von der Linksjugend organsiert wurde, Angehörige der pro-israelischen Gegendemonstration durch die Innenstadt gejagt.


Auf dem Video sind eindeutige antisemitische Straftaten zu sehen, in diesem Sommer 2014 leider kein Einzelfall. Von den zahlreichen Straftaten nach § 130 (Volksverhetzung), wurden nur einige Wenige durch die Justiz abgeurteilt. Von den 49 Strafverfahren wurden 45 bis Dezember 2014 eingestellt. Ein Armutszeugnis für die Stadt Essen und die deutsche Justiz.  

Doch ein Fall (ein Strafverfahren von den übrigen vier), der vor dem Essener Amtsgericht verhandelt wurde, zeigt deutlich, dass wer gegen Zionisten hetzt, eigentlich Juden meint und dies auch bestraft werden muss.

Im Sommer 2014 hatte Taylan C. auf der oben genannten Kundgebung der Linksjugend gegen Israel in Essen folgendes verkündet (Video-Beweis): 

»Tod und Hass den Zionisten!«

dabei stachelte Taylan C. die Menge auch noch an. Vor Gericht wiederholte C. die Standartaussage eines jeden Antisemiten, der sich dem Vorwurf der Volksverhetzung gegenüber sieht:

»Ich habe nichts gegen Juden, ich hab nur was gegen Zionisten!«,

diese Aussage bekräftigte er damit, dass der Tod von Zionisten (für ihn gibt es in Deutschland keine Minderheit der »Zionisten« und somit auch kein Vergehen) nun einmal auch »Gottes Strafe« sei.

Richterin Gauri Sastry begründete eine Verurteilung mit folgender Erklärung:

»Zionist ist im Sprachgebrauch der Antisemiten der Code für Jude. Wenn Sie im vergangenen Jahr, Tod und Hass den Zionisten‘ riefen, meinten Sie damit den Staat Israel und die Juden. Es war ja der Staat Israel, der sich im Krieg befand.«

Weiter führte Richterin Sastry aus, dass zwar die Meinungsfreiheit ein hohes Gut in Deutschland ist, aber die Art und Weise entscheidend ist:

»Aber Sie haben die Grenzen der Meinungsfreiheit überschritten, als Sie zu Tod und Hass gegen die Juden aufgerufen haben und versuchten, eine Menschenmenge zu verhexen.«

Damit war endlich der Bann der Antisemiten, dass mit der Kritik an Zionisten nie Juden gemeint sind, auch vor einem deutschen Gericht gebrochen. Der Antisemit Tayler C. wurde vor dem Amtsgericht Essen zu einer Haftstrafe von drei Monaten auf Bewährung und der Zahlung von 200 Euro verurteilt.

Doch wie hat sich die Lage seit dem Sommer 2014 entwickelt?

Die Antwort ist leider kurz und schockierend: Es ist nicht besser geworden und weiterhin sorgen jüdische Symbole, wie die Kippah, oder der Davidstern dafür, dass man als Jüdin, oder Jude große Probleme bekommen kann.

Am Freitag den 27.5.2016 ereignete sich in der Stadt Duisburg ein weiterer trauriger Fall von Antisemitismus. Dort hatten mehrere Jugendliche mich durch den örtlichen Stadtpark gejagt und mir mit Mord gedroht, wenn sie mich noch einmal sehen würden. Das alles nur, weil ich mit Kippah für diese Personen eindeutig als Jude erkennbar war. Es ist ein Skandal, dass in Deutschland, 71 Jahre nach Auschwitz, Jüdinnen und Juden wieder Angst haben müssen.

Natürlich wurde mein Fall auch von Rechtspopulisten ausgenutzt, die im Allgemeinen gegen Muslime und den Islam hetzen wollten. Für mich ein widerlicher Propagandazug, denn diese Wutbürger wollen den jüdischen Mitbürgern nicht wirklich helfen, sondern missbrauchen die Ängste und Probleme der jüdischen Gemeinde in Deutschland für die eigene rechtspopulistische Politik.

Aber auch muslimische Antisemiten relativierten wieder diverse Übergriffe, wie auch meinen Fall in Duisburg. Die Meinung war eindeutig und bekannt, denn mit diesen Übergriffen waren wieder nicht »die Juden« gemeint, sondern eben nur die »verhassten Zionisten«.

Hier ein Beispiel einer solchen Relativierung:

 


Es ist wirklich Zeit, dass man in Deutschland  stärker das Problem Antisemitismus benennt und behandelt.  Die deutsche Gesellschaft und besonders die Politik darf den Rechtspopulisten nicht die Behandlung der Problematik überlassen und Antisemitismus nur zu einem muslimischen Problem erheben. Genauso muss aber auch von Seiten der Linken erlaubt sein, dass man arabischen und vor allem muslimischen Antisemitismus in Deutschland ansprechen darf.

Die widerlichen Parolen von AfDlern, wie:

»Ersetze Juden durch AfD und zieh den Männern Sturmhauben über den Kopf. Dann erhälst Du Mitglieder der Antifa.«

sind genauso fragwürdig, wie einige Aussagen von Muslimen, wie:

» Wir (gemeint Muslime) sind die neuen Juden!«

Immerhin betrifft Antisemitismus in Deutschland uns alle und deshalb liegt es auch an uns, der deutschen Gesellschaft, dagegen einzuschreiten. Gemeinsam!

»Du Judensohn!« – Judenhass inmitten unserer Gesellschaft

Eigentlich sollte es ein angenehmer Freitagabend werden.

Lichtsegnung, Kiddusch und dann anschließend spirituell gestärkt das Wochenende einläuten. Klasse, es sollte eben ein ganz normaler Schabbat-Abend in Deutschland werden.

Wäre ich da nicht auf die tolle Idee gekommen noch einmal kurz mit dem Hund rauszugehen. Die Kerzen waren schon angezündet und dank Neronim (Glasaufsetzer für jeden Kerzenhalter) geschützt; das Feuer kann deshalb nicht ausgehen, oder versehentlich meine Wohnung abfackeln. Dann konnte es ja los gehen!

Das Wetter um halb neun abends war schwül und deshalb tummelten sich auch nur wenige Leute mit ihren Hunden im Park.

Im Park angekommen sah ich, dass eine größere Gruppe an einer Parkbank stand und saß. Aus der Entfernung konnte ich nicht richtig erkennen, was für Personen das gewesen sind. Sie trugen Jogginganzüge und kurz rasierte Haare – der Archetypus eines McFit-Schranks.

Es schoss mir spontan durch den Kopf: »SKINHEADS?!«

Im Angesicht dieser Tatsache entschied ich mich einen anderen Weg zu nehmen, dieser führt an einem Schulhof einer Grundschule vorbei. Stress war das letzte, was ich an so einem Freitagabend haben wollte.

Als ich an dem Schulhof der Grundschule vorbei kam, sah ich, wie drei Jugendliche irgendein Video filmten (wahrscheinlich ein Rap-Video mit Tanzeinlage) und dann passierte es:

Antisemit 1: »Jude! Jude! JUUUDE! Du kleiner JUDE! Was machst du hier, du JUDE? Guckt mal da, da ist ein JUDE! Ein kleiner JUDE! Bleib stehen, DU JUDE! BLEIB STEHEN! Schaut mal ein Jude mit seiner weißen Judenmütze!«

Ich: »Soll ich die «Bullen» rufen?«

Antisemit 1: »Hol doch die Bullen! Die können mir gar nichts und du bist gefickt!«

Antisemit 2: »Komm lass gut sein! Komm jetzt!«

Antisemit 1: »DU JUDE! Wenn WIR dich hier noch einmal sehen, ich schwör’, dann bist du tot, DU JUDE! Dann schlitzen wir dich auf! Verstanden? VERPISS DICH, DU JUDE! Du JUDE hau ab, sonst kill ich dich!«

Antisemit 2: »Komm jetzt, lass den Juden!«

Antisemit 1 zur restlichen Gruppe: »HE, DA OBEN IST EIN JUUUUDEEEEE!«

Gruppe: »WO?! LASS DEN JUDEN KLATSCHEN! LOS, LASST DEN JUDEN KLATSCHEN!«

Es waren wohl doch keine Skinheads, sondern eine zu den Jugendlichen gehörende größere Gruppe.

Als ich da so stand und der Typ mich anbrüllt, dachte ich, dass ich gleich im »Arsch« bin. Erst wollte ich ihn filmen, entschied mich aber weise dagegen. Auch das Hinzuziehen von Polizei lies ich mir durch den Kopf gehen, aber dann hätte der seine Drohung sicher wahr gemacht. In Duisburg kann man schon mal gute 50 Minuten auf eine Streife warten und das wäre definitiv zu lange gewesen.

Dieser dicke, aber dennoch muskulöse Kerl hatte ein kleines Messer in seiner Hand, also ein gutes Argument für mich zu verschwinden. Der Klügere gibt eben nach. Immerhin wollte ich nicht so enden, wie der ein oder andere jüdischen Israeli am Jaffa-Tor von Jerusalem im letzten Jahr.

Um die Judenhasser nicht zu mir nach hause zu führen, musste ich einen riesigen Umweg nehmen. Immer die Angst im Nacken gleich auf meine »Judenfresse« zu bekommen. Aus den geplanten 20 Minuten Park wurde dann mehr als eine Stunde Rückzug.

Ein richtiger SCHEISS-FREITAG kann ich euch sagen!

Noch nie in meinem Leben wurde mir so viel Intoleranz und abgrundtiefer Hass entgegengebracht, wie an diesem Freitagabend.

Immer wieder hole ich mir diesen Augenblick hoch, denn ich kann nicht verstehen, warum diese Jugendlichen, die sicherlich nie im Nahen Osten gewesen waren, noch wirklich eine Verbindungen dahin beziehen, einen so stark pervertierten Hass hegen können. Diese jungen Leute wollten vielleicht nicht töten, aber auf jeden Fall verletzen und demütigen. Das Geschrei erinnerte mich an diverse Shoah-Filme, wie Schindlers Liste, wo die SS-Männer mit Geschrei, Beleidigungen und bloßer Gewalt Menschen brachen. Der Vorfall an diesem Freitag sollte zeigen, dass ein jüdisches Leben in Deutschland gefährdet ist und niemand wirklich etwas dagegen tun kann.

»JUDE, JUDE, SEI ALLEIN!«

Rufe auf einer Pro-Gaza Demonstration in Berlin, Sommer 2014

Ja, genau so habe ich mich gefühlt…