Eine unendliche Geschichte – Die Zugehörigkeit des Islams zur deutschen Gesellschaft

Seit mehreren Jahren geistert diese Frage durch die deutsche Politik- und Medienlandschaft, viele Menschen haben sich an eine Lösung getraut, einige mehr andere weniger erfolgreich. Doch egal zu welchem Schluss all diese Personen kamen, die Frage blieb letztendlich immer die gleiche: Gehört der Islam zu Deutschland?

Vielleicht sollte die Frage viel wissenschaftlicher und präziser gestellt werden: Welcher »Islam« soll, kann und darf eigentlich zu Deutschland gehören? Denn immerhin gibt es nicht »den« Islam, sondern viele verschiedene Ausprägungen und Richtungen.

Der emeritierte Politikwissenschaftler Bassam Tibi ist der Meinung, dass der »Euro-Islam« gescheitert sei, also die Vorstellung einer liberal-islamischen Strömung, die problemlos mit dem deutschen Grundgesetz und der Religionsfreiheit zu vereinbaren ist. Dazu schreibt er in einem Gastkommentar in der WELT (08.05.16):

»Als Syrer aus Damaskus lebe ich seit 1962 in Deutschland, und ich weiß: Patriarchalisch gesinnte Männer aus einer frauenfeindlichen Kultur lassen sich nicht integrieren. Ein europäischer, ziviler Islam, den die Islamfunktionäre hierzulande als Euro-Islam ablehnen, wäre die Alternative. Zurzeit ist er chancenlos. Mein Lehrer Max Horkheimer hat Europa als „Insel der Freiheit im Ozean der Gewaltherrschaft“ bezeichnet. Diese Freiheit sehe ich heute gefährdet.«

Sobald das Thema »Islam und Deutschland« in der Gesellschaft behandelt wird und die allseits bekannte Frage in Talkshows, Debatten und Podiumsdiskussionen gestellt wird, reagieren die Gemüter verschiedener Meinungen und Richtungen über. Die eine extreme Gruppe meint, dass doch Terror und Islamismus nichts mit »dem« Islam zutun hätte, wobei die andere Gruppe gar behauptet, dass Muslime und ihre Religion in Deutschland »nichts zu suchen hätten«. Natürlich gehören muslimische Mitbürger zur Bundesrepublik Deutschland und zu dieser heterogenen und vor allem multikulturellen Gesellschaft, doch auch, oder besonders muslimische Mitmenschen müssen sich endlich verstärkt in diese Debatte einwerfen und dabei helfen, dass der Islam als normale und vor allem liberal-säkulare Religion etabliert werden kann. Aussagen, wie »Das hat mit dem Islam nichts zutun!«, oder »Das sind keine Muslime (gemeint werden Salafisten, oder andere muslimische Radikale)!«, sind dabei kontraproduktiv, ja sogar verträumter Blödsinn. Viele islamische Strömungen haben einen gemeinsamen Kernpunkt und eben das sind Gewaltpassagen im Qur’an und der Sunna, die so nicht mit der humanistischen und säkularen Welt Europas konform gehen können.

Dem ewigen Argument der muslimischen Verbände und vieler Sympathisanten, der Terror habe mit dem Islam nichts zutun, stellt Michael Wolffsohn in der TV-Sendung „hart aber fair“ am 11. April 2016 im Ersten klar, dass der Terror seine Wurzeln sehr wohl in der Religion besitzt:

»Gerade die heiligen Schriften und ihre buchstäbliche Auslegung sind das Problem. Eine kritische Interpretation der Quellen, wie das Christentum sie mit der Reformation oder das Judentum durch rabbinische Texte erfahren haben, hat der Islam in diesem Maße noch nicht erfahren. Deshalb ist es ein Unterschied, ob im Alten Testament das Niederbrennen irgendeines seit 2400 Jahren untergegangenen mesopotamischen Königreichs oder im Koran der Kampf gegen die – durchaus noch existierenden – Juden gefordert wird.«

Auch der renommierte deutsch-libanesische Prof. Dr. Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Uni Münster schreibt dazu in der Zeit Geschichte (2/2016):

»Viele Muslime distanzieren sich zwar davon (bezogen auf die Definition von Dschihad als Heiliger Krieg), mit dem Hinweis, das habe nichts mit dem Islam zutun, jedoch ohne sich ernsthaft mit den Argumenten des IS und anderer Extremisten auseinanderzusetzen. Sie verkennen, dass das Problem tief in der islamischen Tradition verwurzelt ist.«

Ein recht großes Problem im Bezug auf die Beantwortung der Frage »Gehört der Islam zu Deutschland?«, sind radikalisierte muslimische Jugendliche – eben die wichtigsten Fußsoldaten des Islamischen Staates.

Vor allem Jugendliche mit Immigrationshintergrund aus dem westlichen Europa (Frankreich, Großbritannien, den Beneluxländern und Deutschland) und ihren Brennpunkten, bilden den Kern der Anhängerschaft des Islamischen Staates. Durch islamistische Scharfmacher in Moscheen und Jugendtreffs, oder während der sogenannten »Street Dawa«, werden diese jungen Menschen zu hörigen Soldaten des Kalifats in Syrien und dem Irak erzogen. Der deutsch-israelische Psychologe Achmad Mansour nennt diese jugendliche Gruppierung unter muslimischen Jugendlichen »Generation Allah«, eben genau die Art von Jugendlichen, die nur noch im fundamentalistischen Islam ihre Lebenserfüllung finden. Der Weg von einer radikalen Moscheegemeinde bis zum Kriegsgebiet Syrien unter der schwarzen Flagge des IS, oder der Schahāda, ist fließend.

Es muss eine konsequente Intervention im Hinblick auf muslimische Jugendlichen, ihre Religionsvorstellung und ihre patriachale Familienstruktur folgen, damit man Herr dieser Lage werden kann. Muslimische Jugendliche machen vor allem die nicht-muslimische Umwelt, das deutsche, oder europäisch-westliche Staatgefüge und eben auch das Judentum als »Strippenzieher« allen »Bösen« im Nahen Osten für die Probleme der islamischen Welt, aber besonders für ihr eigenes Versagen verantwortlich.

Voraussetzung für eine solche Liberalisierung und Integration des Islams in Deutschland, ist, dass Muslime die wissenschaftliche Islamkritik (das gilt selbstverständlich nicht für beleidigende Hetzkampagnen und unseriöse Islam-Diffamierungen, wie man sie bei der AfD, oder der PEGIDA oft antrifft) als durch das Grundgesetz gegebene Freiheit respektieren.

Sobald der Islam in irgendeiner Art und Weise vermeintlicher Kritik ausgesetzt wird, springen unzählige Muslime und nicht-muslische Sympathisanten in die Runde. Dabei wird leider eins ziemlich deutlich, denn der Islam, sowie viele Muslime, sind noch nicht bereit Kritik zeitgemäß zu akzeptieren.

Das folgende Beispiel zeigt, wie muslimische Jugendliche im Bezug auf Islamkritik, Judentum und Grundgesetze leider zu argumentieren wissen:

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Tag des Judenhasses – Der al-Quds-Tag in Berlin

Der internationale al-Quds-Tag rückt näher und bildet wieder einmal ein ideales Sammelbecken für Antisemiten, Antizionisten und Israelfeinden. Auch in Berlin wird es in diesem Jahr wieder eine Demonstration am al-Quds-Tag geben. Wie gewohnt wird dieser auf dem Adenauerplatz im Herzen Berlins stattfinden. Einen anderen al-Quds-Tag im deutschsprachigen Raum wird es auch wieder in Wien geben.

In den Jahren davor fielen diese antisemitischen Großtreffen im Herzen der Bundesrepublik (und eben auch Österreichs) immer wieder negativ auf, besonders da offen gegen Juden und Israel gehetzt wurde.

Was ist eigentlich dieser al-Quds-Tag? 

Der al-Quds-Tag (Internationaler Jerusalemtag) ist ein iranischer Feiertag, der als ein Kampftag gegen Israel und den Zionismus inszeniert wird. Besonders wird die »Befreiung Jerusalems von den zionistischen Besatzern« in den Mittelpunkt gesetzt. Damit wird gemeint, dass Jerusalem, die legitime Hauptstadt des Staates Israel, für Muslime und den Islam zurückerobert werden muss.

Die Initiatoren des al-Quds-Tags in Berlin kündigen diesen Tag, wie folgt an:

Aufruf zur Qudstag Demonstration am internationalen Jerusalemtag!

Für ein freies Palästina und ein gleichberechtigtes Zusammenleben aller Religionsgemeinschaften.

Samstag, 2. Juli 2016
14:30 Uhr Berlin - Adenauerplatz

über den Kurfürstendamm zum Wittenbergplatz

Widerstand der „Völkergemeinschaft“ gegen die kriegerische „Weltherrschaft“

Die Welt ist weder sicherer noch gerechter geworden. Im Gegenteil: Terroranschläge und Bürgerkriege werden noch brutaler weitergeführt und die Zahl der Opfer steigt rasant. Ob amerikanische und israelische Drohnen oder saudi-arabische Kampfflugzeuge im Einsatz sind, ob wahabitisch-extremistische Attentäter zuschlagen – das Ergebnis ist jedes Mal das gleiche: die Zerstörung der Lebensgrundlage vieler islamischer Völker, wodurch eine Völkerwanderung in Richtung Europa ausgelöst wurde.

Der „Krieg gegen den Terror“, der seit dem 11.September 2001 unter der Führung der USA bis heute anhält, hat sich inzwischen als ein Terrorkrieg gegen die islamischen Völker enttarnt. Wir alle sind dazu verpflichtet, gegen diesen unmenschlichen Terrorkrieg Widerstand zu leisten.
Warum Widerstand und wie der in Europa verwirklicht werden soll – dies wird am Qudstag thematisiert. Der Jerusalemtag ist ein Anlass, gemeinsam gegen die Unmenschlichkeit zu demonstrieren, um den Willen der Kriegstreiber zu brechen.

Ob Muslime, Christen oder Juden, ob Araber, Türken oder Deutsche – alle zusammen bilden wir die „Völkergemeinschaft“.

Qudstag ist der Tag der Unterstützung des Widerstandes.


Allein aus diesem kurzen Info-Flyer entsteht ein klares Freund-Feind-Schema, eine immer gleiche Ideologie des Hasses und der Lügen: die »bösen« Juden und ihre amerikanischen Unterstützer wollen die armen islamischen Völker vernichten. Von  der brutalen Verfolgungen von Eziden und Christen spricht der Flyer natürlich nicht, denn diese Menschen werden ja nicht durch das verhasste Israel, oder die USA, ermordet. Also kaum erwähnenswert für diese Friedensengel.

Gerne wird verschwiegen, dass Israel, die einzige Demokratie im Nahen Osten ist, wo Menschen egal welcher Hautfarbe, Religion, Geschlechts, oder sexueller Ausrichtung in Frieden leben können. Es passt schlicht und einfach nicht ins Konzept der Antisemiten und Antizionisten, also müssen sie einen drohenden Genozid an den »islamischen Völkern« erfinden, diese Lüge reißerisch aufbereiten und Juden als die bösen Initiatoren im Hintergrund präsentieren. Ein lupenreiner Antisemitismus eben, der sogar vom deutschen Staat toleriert und von einigen Parteien offen unterstützt wird.

„Es ist eine Schande, dass in Berlin Raum gelassen wird für Antisemitismus und Israel-Hass. Denn nichts anderes haben die Al-Quds-Demonstrationen der vergangenen Jahre zutage gefördert, und nichts anderes ist auch in diesem Jahr zu erwarten” 

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

Und dennoch wird dieser schändliche Tag in Berlin zelebriert, nicht nur von Muslimen, sondern auch von deutschen Linken und Rechten, die glücklich vereint gegen Israel und  Juden hetzen können. Wenn es gegen Israel und die Juden geht, dann sind auch die ärgsten Feinde auf einmal gute Freunde.

Einen Lichtblick gab es aber in dieser Woche schon, denn der Berliner Innensenator Frank Henkel (CDU) hat es geschafft! Am kommenden Samstag sind Fahnen der libanesisch-islamistischen Terrormiliz Hisbollah verboten. In der Vergangenheit waren auf den al-Quds-Demonstrationen in Berlin viele Libanesen, die ihre Sympathie mit der judenhassenden Terrormiliz Hisbollah zeigten.

Im Angesicht der Flüchtlingssituation ist es wichtiger denn je, dass die deutsche Gesellschaft Sympathie mit Jüdinnen und Juden in Deutschland und eben auch gegenüber dem Staat Israel, der sichersten Heimstätte des Judentums, zeigt. Denn nicht wenige Geflohene muslimischen Glaubens verachten Juden und auch den Staat Israel, denn dank der Propaganda des syrischen Diktators Assad und des verschwörungstheoretischen Hasses gegenüber Juden im Nahen Osten, haben viele Menschen, die nach Deutschland kommen, Vorurteile gegenüber Jüdinnen und Juden.

Die Homosexualität und der Islam – Gelebter Hass und Auftrag zur Gewalt

Am frühen Sonntagmorgen stürmt ein Mann den LGBT-Nachtclub Pulse in Orlando (Florida). Bei diesem Terroranschlag sterben 49 Menschen, 50 weitere Menschen werden verletzt. Der Attentäter Omar Mateen wird von der Polizei erschossen. Danach bleiben vor allem die Fragen zur möglichen Motivation des Täters. Mit großer Gewissheit muss man sagen, dass Mateen ein radikalisierter Muslim war und möglicherweise Verbindungen zum Islamischen Staat unterhielt. Die meisten deutschsprachigen Medien aber fabulieren immer noch über mögliche psychische Instabilität. Dadurch macht man wieder den Terroristen zu einem Täter, der gleichzeitig auch »Opfer« war, nämlich Opfer einer psychischen Erkrankung. Aber damit werden die Hintergründe des Anschlags von Orlando nur simplifiziert, man umgeht gezielt die Problemstellung.

Man muss sich dem Problem klar und offen stellen, nämlich der Tatsache, dass vor allem der gelebte Islam für viele Gläubige eine homophobe Lebensweise voraussetzt. Natürlich wirkt so ein Statement für viele AfD-PEGIDA-Gegner wie ein Bekennerschreiben an den momentanen rechten Populismus in Deutschland. Doch gerade bei der Negierung der Probleme des gelebten Islams, überlassen wir die Ursachenforschung und »Konfliktbeweltigung« den rechten Anhängern der oben genannten Gruppierungen und das ist schlecht!

(14) Und wenn einige euerer Frauen eine Hurerei begehen, dann ruft vier von euch als Zeugen gegen sie auf; bezeugen sie es, dann schließt sie in die Häuser ein, bis der Tod sie ereilt oder Allah ihnen einen Ausweg gibt. (15) Und wenn zwei von euch (Männern) es begehen, dann fügt ihnen Übel zu. Wenn sie (aber) umkehren und sich bessern, dann lasst ab von ihnen; denn Allah ist Gnädig und Barmherzig. 

 

Sura 4 An-Nisa‘, 14 – 15

Natürlich kann man Stellen aus der hebräischen Bibel (dem Tanach) und dem Neuen Testament nehmen, die belegen, dass die Homosexualität auch in Juden- und Christentum zu den biblischen »Sünden« gehören und deshalb kategorisch abgelehnt werden müsste. Doch mit diesem Vorgehen würden wir einen entscheidenden Fehler machen, nämlich ignorieren, dass nur innerhalb der muslimischen Welt religiöse Ablehnung und Hass in Gewalt umschlägt. Es geht auch nicht wirklich um entscheidende Texte in Koran und Bibel, sondern darum, wie der Gläubige die Aufgabe, diesen »göttlichen Auftrag«, annimmt gegen diese »Sünde« und den »Sünder» vorzugehen.

In der theokratischen Autokratie Republik Iran werden Homosexuelle zu langen Haftstrafen, Folter und zum dem Tod am Baukran verurteilt. In Saudi-Arabien, dem Geburtsland des Islams, wird Homosexualität brutal verfolgt und mit dem Tod geahndet . Auch die Araber in den arabischen Autonomiegebieten (Judea, Samaria und Gaza), die immer wieder gerne von den antisemitischen BDS-Gruppen verteidigt werden, verfolgen Homosexuelle. Besonders aus Gaza fliehen viele homosexuelle Araber in den liberalen Nachbarstaat Israel (Tel Aviv gilt als die »Gay Pride« Hauptstadt des Nahen Ostens). Das beliebte Urlaubsziel Türkei gilt zwar als »liberalstes« Land unter den muslimischen Staaten (Homosexualität ist seit 1852 kein Straftatbestand mehr), doch wirklich sicher sind auch dort Homosexuelle nicht.

Man muss innerhalb dieser Debatte akzeptieren können, dass die Homosexualität in fast allen muslimischen Ländern nicht nur tabuisiert, sondern brutal verfolgt und verurteilt wird. Der koranische Befehl im Bezug auf den »Sünder«ist eindeutig: »und wenn zwei von euch (Männern) es begehen, dann fügt ihnen Übel zu.«, und lässt keinen Raum für Interpretationen. Die Homosexualität und der bekennende Homosexuelle sind Feinde der religiösen Gemeinschaft und gehören ausgesondert, dass bedeutet in vielen muslimischen Gesellschaftsformen und Staaten den Tod.

Aus diesem Grund ist die immer gleiche Phrase:»Das hat nichts mit dem Islam zutun!«, sowohl für den liberalen Islam, als auch für die vielen liberalen Muslime schädlich.

Der bekannte ägyptisch-deutsche Politikwissenschaftler und Autor Hamed Abdel-Samad äußerte sich wie folgt auf seiner Facebook-Seite:

Wer diese Tatsachen ausblendet um Muslime vor Generalverdacht zu schützen, trägt nicht zur Lösung des Gewaltproblems bei, und verhindert dass die Quelle des Hasses effektiv bekämpft wird. Das lässt die Spirale der Gewalt weiter eskalieren und am Ende verlieren auch die Muslime!
Also sind die Kritiker des Islam langfristig die wahren Freude der Muslime, und die Beschwichter sind nur sanfte Rassisten, die Muslimen nicht zutrauen, die hausgemachten Probleme selbst lösen zu können!

Auch in Deutschland müssen Menschen, die Muslime vor dem Generalverdacht schützen wollen, akzeptieren, dass sich islamisch religiös motivierte Gewalt besonders gegen Gruppierungen richtet, wie Juden, Christen und eben auch Schwule. Dafür muss eine gemeinsam eine Lösung gefunden werden, damit ein Zusammenleben auch in Zukunft weitaus friedlich verlaufen kann.

Der Antisemitismus der Populisten – Judenhass in Deutschland

Es scheint fast so, als wäre der Populismus gerade ein neuer Trend in der gesellschaftlichen Landschaft Deutschlands. Egal in welcher politischen, oder religiösen Ausprägung, man begegnet in Deutschland nun öfter irgendeiner Form von Populismus.

Zum einen gibt es da die Wutbürger und Rechtspopulisten von AfD, PEGIDA und Co., aber eben auch die Linkspopulisten und USA/Nato-Gegner um Sarah Wagenknecht (sie wurde auf dem diesjährigen Parteitag der Linken deshalb »getortet«). Dazwischen liegen die Querfrontler und Verschwörungstheoriepopulisten, wie Jürgen Elsässer, Ken Jesben (KenFM), aber auch der Sänger Xavier Naidoo, der auf einer Demonstration von Reichsbürgern von der BRiD GmbH geredet hatte.

Auch innerhalb von Religionsgemeinschaften wird der Populismus für manch einen Vertreter immer attraktiver, besonders wenn es darum geht fadenscheinige Argumente anzuführen, warum die eigene Religion »besser« sei. Man könnte ja jetzt meinen, dass das doch ein alter Hut sei, aber im Moment bekommt diese Art von religiösem Populismus wieder mehr Aufwind, besonders im Schatten des IS, der daraus resultierenden Flüchtlingskrise, Christenverfolgung und die pauschalisierte Verurteilung von Muslimen.

Doch alle genannten Formen des »trendigen« Populismus haben eine Gemeinsamkeit: den Antisemitismus.

Natürlich wird der Antisemitismus von jeder populistischen Gruppe anders vertreten und ausgedrückt, aber alle haben gemeinsam, dass man »die Juden« für gewisse politische und gesellschaftliche Entwicklungen verantwortlich macht. Dabei bedienen sich populistische Antisemiten gewisser Tricks und Täuschungen, besonders, um den Vorwurf des Antisemitismus ablegen zu können.

Die Amadeu Antonio Stiftung hat auf ihrer offiziellen Homepage eine Liste veröffentlicht, die die gängigsten antijüdischen und antisemitischen Stereotypen vorstellt und widerlegt:

  1. »Ich habe ja nichts gegen Juden, aber…
  2. »Kindermörder Israel!« (besonders beliebt seit dem Sommer 2014)
  3. »Die Zionisten sind die Nazis von heute!«
  4. »Araber sind auch Semiten«
  5. »Die Deutschen haben auch gelitten«
  6. »Es muss auch mal Schluss sein« (wird gerne von Rechten verwendet)
  7. »Da stecken doch die Zionisten dahinter«
  8. »Israel hat kein Recht zu existieren«
  9. »Die wahren Juden sind gegen Zionismus« (Aussage auf dem Berliner al-Quds-Tag)
  10. »Man darf ja nichts sagen, sonst ist man gleich ein Antisemit«

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Pro-Palästina Demonstration der LinksJugend in Essen, Sommer 2014

Der Sommer 2014 hat auf dramatische Weise gezeigt, wie stark und deutlich Antisemitismus innerhalb Deutschlands noch wirksam sein kann. Während im Nahen Osten 2014 der Konflikt zwischen Israel und dem Terrorregime der Hamas in Gaza  auf seinem Höhepunkt war, entflammte auch in Deutschland und dem restlichen Europa der Antisemitismus in einer seit 1945 nicht da gewesenen Weise.

Hamas! Hamas! Juden ins Gas! 

Auf einer Pro-Palästina-Demo in Frankfurt

In zahlreichen deutschen Großstädten protestierten tausende von Menschen gegen Israel, den Zionismus und eben auch gegen Juden. Es waren keine Friedensdemos, wie man sie noch vom Irak-Kriegs 2002 kannte, sondern diese Protestbewegungen hatten einen feindlichen und vor allem aggressiven Charakter. Gegen Israel und das Judentum formierten sich Linke, Rechte und eben auch Muslime; ein Potpourri von Ideologien und Anschauungen, welche heute nur sehr schwierig an einen Tisch zu kriegen sind.

Auf den Demos wurden Parolen skandiert, wie:

»Hamas! Hamas! Juden ins Gas!«


oder, wie diese Äußerung in Berlin:

»Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf‘ allein!«


Damit war die ständige Schutzbehauptung der Antisemiten, sie würden ja »nur« die israelische Regierung und die Zionisten kritisieren (diese sein ja nicht »die Juden«), als Lüge enttarnt worden. Auf den Kundgebungen und Demonstrationen wurde eben nicht zwischen Zionisten, Israelis und Juden unterschieden, sondern der Hass richtete sich gegen Juden im Allgemeinen. In Berlin gab es Übergriffe gegen Personen, die eindeutig als jüdische Mitbürger zu erkennen waren. Die Kippah und der Davidstern wurden zu gefährlichen Symbolen.

Aber auch in anderen deutschen Großstädten eskalierten diese von Wut und Hass getriebenen Demonstrationen.

Dieses Video zeigt die dramatische Eskalation in Essen am 18.7.2014. Dort hatten Demonstranten der Pro-Palästina-Demo, die von der Linksjugend organsiert wurde, Angehörige der pro-israelischen Gegendemonstration durch die Innenstadt gejagt.


Auf dem Video sind eindeutige antisemitische Straftaten zu sehen, in diesem Sommer 2014 leider kein Einzelfall. Von den zahlreichen Straftaten nach § 130 (Volksverhetzung), wurden nur einige Wenige durch die Justiz abgeurteilt. Von den 49 Strafverfahren wurden 45 bis Dezember 2014 eingestellt. Ein Armutszeugnis für die Stadt Essen und die deutsche Justiz.  

Doch ein Fall (ein Strafverfahren von den übrigen vier), der vor dem Essener Amtsgericht verhandelt wurde, zeigt deutlich, dass wer gegen Zionisten hetzt, eigentlich Juden meint und dies auch bestraft werden muss.

Im Sommer 2014 hatte Taylan C. auf der oben genannten Kundgebung der Linksjugend gegen Israel in Essen folgendes verkündet (Video-Beweis): 

»Tod und Hass den Zionisten!«

dabei stachelte Taylan C. die Menge auch noch an. Vor Gericht wiederholte C. die Standartaussage eines jeden Antisemiten, der sich dem Vorwurf der Volksverhetzung gegenüber sieht:

»Ich habe nichts gegen Juden, ich hab nur was gegen Zionisten!«,

diese Aussage bekräftigte er damit, dass der Tod von Zionisten (für ihn gibt es in Deutschland keine Minderheit der »Zionisten« und somit auch kein Vergehen) nun einmal auch »Gottes Strafe« sei.

Richterin Gauri Sastry begründete eine Verurteilung mit folgender Erklärung:

»Zionist ist im Sprachgebrauch der Antisemiten der Code für Jude. Wenn Sie im vergangenen Jahr, Tod und Hass den Zionisten‘ riefen, meinten Sie damit den Staat Israel und die Juden. Es war ja der Staat Israel, der sich im Krieg befand.«

Weiter führte Richterin Sastry aus, dass zwar die Meinungsfreiheit ein hohes Gut in Deutschland ist, aber die Art und Weise entscheidend ist:

»Aber Sie haben die Grenzen der Meinungsfreiheit überschritten, als Sie zu Tod und Hass gegen die Juden aufgerufen haben und versuchten, eine Menschenmenge zu verhexen.«

Damit war endlich der Bann der Antisemiten, dass mit der Kritik an Zionisten nie Juden gemeint sind, auch vor einem deutschen Gericht gebrochen. Der Antisemit Tayler C. wurde vor dem Amtsgericht Essen zu einer Haftstrafe von drei Monaten auf Bewährung und der Zahlung von 200 Euro verurteilt.

Doch wie hat sich die Lage seit dem Sommer 2014 entwickelt?

Die Antwort ist leider kurz und schockierend: Es ist nicht besser geworden und weiterhin sorgen jüdische Symbole, wie die Kippah, oder der Davidstern dafür, dass man als Jüdin, oder Jude große Probleme bekommen kann.

Am Freitag den 27.5.2016 ereignete sich in der Stadt Duisburg ein weiterer trauriger Fall von Antisemitismus. Dort hatten mehrere Jugendliche mich durch den örtlichen Stadtpark gejagt und mir mit Mord gedroht, wenn sie mich noch einmal sehen würden. Das alles nur, weil ich mit Kippah für diese Personen eindeutig als Jude erkennbar war. Es ist ein Skandal, dass in Deutschland, 71 Jahre nach Auschwitz, Jüdinnen und Juden wieder Angst haben müssen.

Natürlich wurde mein Fall auch von Rechtspopulisten ausgenutzt, die im Allgemeinen gegen Muslime und den Islam hetzen wollten. Für mich ein widerlicher Propagandazug, denn diese Wutbürger wollen den jüdischen Mitbürgern nicht wirklich helfen, sondern missbrauchen die Ängste und Probleme der jüdischen Gemeinde in Deutschland für die eigene rechtspopulistische Politik.

Aber auch muslimische Antisemiten relativierten wieder diverse Übergriffe, wie auch meinen Fall in Duisburg. Die Meinung war eindeutig und bekannt, denn mit diesen Übergriffen waren wieder nicht »die Juden« gemeint, sondern eben nur die »verhassten Zionisten«.

Hier ein Beispiel einer solchen Relativierung:

 


Es ist wirklich Zeit, dass man in Deutschland  stärker das Problem Antisemitismus benennt und behandelt.  Die deutsche Gesellschaft und besonders die Politik darf den Rechtspopulisten nicht die Behandlung der Problematik überlassen und Antisemitismus nur zu einem muslimischen Problem erheben. Genauso muss aber auch von Seiten der Linken erlaubt sein, dass man arabischen und vor allem muslimischen Antisemitismus in Deutschland ansprechen darf.

Die widerlichen Parolen von AfDlern, wie:

»Ersetze Juden durch AfD und zieh den Männern Sturmhauben über den Kopf. Dann erhälst Du Mitglieder der Antifa.«

sind genauso fragwürdig, wie einige Aussagen von Muslimen, wie:

» Wir (gemeint Muslime) sind die neuen Juden!«

Immerhin betrifft Antisemitismus in Deutschland uns alle und deshalb liegt es auch an uns, der deutschen Gesellschaft, dagegen einzuschreiten. Gemeinsam!

»Du Judensohn!« – Judenhass inmitten unserer Gesellschaft

Eigentlich sollte es ein angenehmer Freitagabend werden.

Lichtsegnung, Kiddusch und dann anschließend spirituell gestärkt das Wochenende einläuten. Klasse, es sollte eben ein ganz normaler Schabbat-Abend in Deutschland werden.

Wäre ich da nicht auf die tolle Idee gekommen noch einmal kurz mit dem Hund rauszugehen. Die Kerzen waren schon angezündet und dank Neronim (Glasaufsetzer für jeden Kerzenhalter) geschützt; das Feuer kann deshalb nicht ausgehen, oder versehentlich meine Wohnung abfackeln. Dann konnte es ja los gehen!

Das Wetter um halb neun abends war schwül und deshalb tummelten sich auch nur wenige Leute mit ihren Hunden im Park.

Im Park angekommen sah ich, dass eine größere Gruppe an einer Parkbank stand und saß. Aus der Entfernung konnte ich nicht richtig erkennen, was für Personen das gewesen sind. Sie trugen Jogginganzüge und kurz rasierte Haare – der Archetypus eines McFit-Schranks.

Es schoss mir spontan durch den Kopf: »SKINHEADS?!«

Im Angesicht dieser Tatsache entschied ich mich einen anderen Weg zu nehmen, dieser führt an einem Schulhof einer Grundschule vorbei. Stress war das letzte, was ich an so einem Freitagabend haben wollte.

Als ich an dem Schulhof der Grundschule vorbei kam, sah ich, wie drei Jugendliche irgendein Video filmten (wahrscheinlich ein Rap-Video mit Tanzeinlage) und dann passierte es:

Antisemit 1: »Jude! Jude! JUUUDE! Du kleiner JUDE! Was machst du hier, du JUDE? Guckt mal da, da ist ein JUDE! Ein kleiner JUDE! Bleib stehen, DU JUDE! BLEIB STEHEN! Schaut mal ein Jude mit seiner weißen Judenmütze!«

Ich: »Soll ich die «Bullen» rufen?«

Antisemit 1: »Hol doch die Bullen! Die können mir gar nichts und du bist gefickt!«

Antisemit 2: »Komm lass gut sein! Komm jetzt!«

Antisemit 1: »DU JUDE! Wenn WIR dich hier noch einmal sehen, ich schwör’, dann bist du tot, DU JUDE! Dann schlitzen wir dich auf! Verstanden? VERPISS DICH, DU JUDE! Du JUDE hau ab, sonst kill ich dich!«

Antisemit 2: »Komm jetzt, lass den Juden!«

Antisemit 1 zur restlichen Gruppe: »HE, DA OBEN IST EIN JUUUUDEEEEE!«

Gruppe: »WO?! LASS DEN JUDEN KLATSCHEN! LOS, LASST DEN JUDEN KLATSCHEN!«

Es waren wohl doch keine Skinheads, sondern eine zu den Jugendlichen gehörende größere Gruppe.

Als ich da so stand und der Typ mich anbrüllt, dachte ich, dass ich gleich im »Arsch« bin. Erst wollte ich ihn filmen, entschied mich aber weise dagegen. Auch das Hinzuziehen von Polizei lies ich mir durch den Kopf gehen, aber dann hätte der seine Drohung sicher wahr gemacht. In Duisburg kann man schon mal gute 50 Minuten auf eine Streife warten und das wäre definitiv zu lange gewesen.

Dieser dicke, aber dennoch muskulöse Kerl hatte ein kleines Messer in seiner Hand, also ein gutes Argument für mich zu verschwinden. Der Klügere gibt eben nach. Immerhin wollte ich nicht so enden, wie der ein oder andere jüdischen Israeli am Jaffa-Tor von Jerusalem im letzten Jahr.

Um die Judenhasser nicht zu mir nach hause zu führen, musste ich einen riesigen Umweg nehmen. Immer die Angst im Nacken gleich auf meine »Judenfresse« zu bekommen. Aus den geplanten 20 Minuten Park wurde dann mehr als eine Stunde Rückzug.

Ein richtiger SCHEISS-FREITAG kann ich euch sagen!

Noch nie in meinem Leben wurde mir so viel Intoleranz und abgrundtiefer Hass entgegengebracht, wie an diesem Freitagabend.

Immer wieder hole ich mir diesen Augenblick hoch, denn ich kann nicht verstehen, warum diese Jugendlichen, die sicherlich nie im Nahen Osten gewesen waren, noch wirklich eine Verbindungen dahin beziehen, einen so stark pervertierten Hass hegen können. Diese jungen Leute wollten vielleicht nicht töten, aber auf jeden Fall verletzen und demütigen. Das Geschrei erinnerte mich an diverse Shoah-Filme, wie Schindlers Liste, wo die SS-Männer mit Geschrei, Beleidigungen und bloßer Gewalt Menschen brachen. Der Vorfall an diesem Freitag sollte zeigen, dass ein jüdisches Leben in Deutschland gefährdet ist und niemand wirklich etwas dagegen tun kann.

»JUDE, JUDE, SEI ALLEIN!«

Rufe auf einer Pro-Gaza Demonstration in Berlin, Sommer 2014

Ja, genau so habe ich mich gefühlt…

Der Nakba-Day – Antisemitische Selbstinszenierung mit Trauercharakter

Drei große Events bieten Antisemiten und Antizionisten jährlich die Chance gemeinsam und öffentlich ihren Hass gegenüber Juden und Israel zu zeigen:

Yom Ha-Atzmaut (Tag der Unabhängigkeit) – der Nationalfeiertag Israels stellt die Unabhängigkeit Israels im Jahr 1948 in den Mittelpunkt. [Gefeiert wurde in diesem Jahr am 12. Mai].

Nakba-Day (Tag der Katastrophe) – an diesem Tag gedenken Palästinenser an die »Vertreibung« und mahnen die »Besetzung« Israels seit 1948. [Dieser Tag wird immer am 15. Mai des Jahres abgehalten.]

al-Quds-Tag (Internationaler Jerusalemtag) – ein iranischer gesetzlicher Feiertag, der als Kampftag gegen Israel und den Zionismus genutzt wird. Besonders wird die »Befreiung Jerusalems von den zionistischen Besatzern« in den Mittelpunkt gesetzt.

Zitat von der offiziellen Internetpräsenz des al-Quds-Tags in Berlin:

Am letzten Freitag im Monat Ramadan gehen weltweit die Menschen für Freiheit und gegen Krieg und Unterdrückung auf die Straße. Auch in Berlin demonstrieren wir gemeinsam am Samstag, den 02. Juli 2016.

Gestern fand der alljährliche Nakba-Day statt, auch in vielen deutschen Städten. Er ist gewohnter Magnet für Antisemiten und Antizionisten, die sich endlich zusammen gegen Juden und den Staat Israel auslassen können. Selten bleibt dieser Veranstaltungstag ein zurückhaltender »Trauertag« für den »Verlust des palästinensischen Landes«, denn der Tenor ist eine spürbare Anti-Israel-Stimmung, die von der deutschen Presselandschaft oftmals heruntergespielt, oder ganz ausgeblendet wird.

Die Veranstalter des diesjährigen Nakba-Day rufen auf ihrer Facebook-Präsenz mit folgendem Text auf:

Das Nakba-Tag-Bündnis Berlin ruft zur Demonstration auf.

Deutschland 2016 schreibt sich seine „Willkommenskultur“ groß auf die Fahnen. In allen Schichten und in verschiedensten politischen Spektren wird Solidarität mit Geflüchteten propagiert. Manche beschäftigen sich mit den verschiedenen Fluchtursachen, manche beschränken sich auf Menschenrechtsdiskurse. Aber eine Fluchtursache, die über 7

Millionen Geflüchtete zu verantworten hat und seit 68 Jahren andauert, wird systematisch negiert: Die Nakba, die große Katastrophe Palästinas, als 1948 750.000 Palästinenser*innen durch zionistische Milizen aus ihrem Land vertrieben wurden. Die Vertreibung und Vernichtung der Jüd*innen Europas durch Deutschland hat ein Kolonialprojekt beschleunigt – die Errichtung eines zionistischen ethnokratischen Staates auf dem Rücken der Einwohner*innen Palästinas – Israel. Ein Kolonialstaat, der von Deutschland bis heute Wiedergutmachung erhält und materiell und ideologisch bedingungslos unterstützt wird.

Die Existenz dieses zionistischen Kolonialstaates mit seinen ethnischen Privilegien verhindert bis heute die Rückkehr der Geflüchteten und ihr Recht auf ein würdiges Leben. Die meisten von ihnen leben schon seit drei Generationen in ärmsten Verhältnissen in Flüchtlingslagern um Palästina herum. Viele von ihnen wurden durch den Krieg in Syrien zum zweiten oder dritten Mal vertrieben. Sie befinden sich zum Teil auch jetzt auf dem Weg nach Europa. In Palästina unterstützt Deutschland und der Westen einen heuchlerischen „Friedensprozess“, dessen brutalste Erscheinungsform das Oslo-Abkommen von 1994 ist. Mit der Zweistaatenlüge wurde ein neuer Verwaltungsapparat in dem 1967 besetztenTeil Palästinas installiert, der einerseits Israel die Handhabung der Besatzung erleichtert, andererseits die Welt vom Status Quo überzeugt. Die Geflüchteten hat es keinen Zentimeter näher an ihre Heimat herangebracht. Die Generation, die in die hoffnungslose Realität von Oslo hineingeboren ist, steht heute auf und wehrt sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln im Kampf gegen ihre kolonialen Unterdrücker*innen. Das Recht auf Widerstand gegen koloniale Unterdrückung und für Selbstbestimmung ist seit den 70er Jahren – im Kontext der kolonialen Befreiungskriege und auf Druck der ehemaligen Kolonien gegen den Widerstand ihrer Kolonialherren völkerrechtlich anerkannt.

Die Solidarität mit dem palästinensischen Widerstand, das Gedenken an die Nakba, der Aufruf,auf Israel international Druck auszuüben durch Kampagnen wie die palästinensisch geführte globale BDS-Bewegung – all dies wird durch die pro-zionistische Hegemonie und die Staatsräson der Bundesrepublik Deutschland mundtot gemacht.

Wir sind hier, um das Schweigen seit 1948 zu brechen. Wir sind hier um ein klares Zeichen der Solidarität mit Palästina zu setzen. Wir sind auch hier, um die Solidaritätsbewegung weiter auszubauen, uns zu vernetzen, zu organisieren und klar zu sagen, dass wir uns nicht einschüchtern lassen – nicht durch zionistische Lobby-Gruppen und ihre Millionen-Budgets, nicht durch Zeitungen und ihre Hetzkampagnen, und nicht durch Israel-Fetischist*innen mit ihrem Täterenkel-Komplex. Unser Kampf ist ein linker Kampf, es ist ein internationalistischer, antiimperialistischer und antikapitalistischer Kampf. Es kann keine globale Befreiung geben ohne die Befreiung Palästinas. Dafür gehen wir auf die Straße.

– Für ein freies und gleichberechtigtes Palästina, in das jede/r Geflüchtete zurückkehren und sich niederlassen kann!

– Für den Stopp aller Kriminalisierung- und Illegalisierungsmassnahmen und rassistischer Hetze gegen die Palästina-Solidaritätsarbeit und anti-zionistische Gruppierungen!

– Für ein Ende der Besatzung und die Entkolonisierung Palästinas! Für Selbstbestimmung aller ethnischen Gruppen im Lande!

– Für ein Ende des Waffenhandels zwischen Israel und Deutschland!

– Solidarität mit dem palästinensischen Widerstand in all seinen Formen als einem antikolonialen und antiimperialistischen Kampf!

– Wir lehnen alle Strukturen von Verwaltung und Kollaboration mit dem zionistischen Regime ab!

Wir bitten alle Demoteilnehmer*innen darum, imperialistische / nationalstaatliche Symbole und Fahnen nicht mitzubringen.


Der Text der Initiatoren strotzt nur so von Halbwahrheiten und antisemitischen, wie auch antizionistischen Klischees und Stereotypen. Nicht ein einziges mal geht der Urheber des Textes auf die arabische Kriegserklärung gegen Israel im Jahr 1948 ein, oder auf die systematische Vertreibung von Jüdinnen und Juden aus arabischen und nordafrikanischen Ländern, als eine Folge des panarabischen Krieges gegen Israel.

Vielmehr wird hier eine Legende weiter ausgebaut, die als politisches Standardargument gegen den Staat Israel und eben auch gegen Jüdinnen und Juden dienen soll. Ähnlich, wie im Rahmen des al-Quds-Tags werden jüdische Kronzeugen gegen Israel und den Zionismus auch am Nakba-Tag verwendet, besonders von Teilen der deutschen Presselandschaft.

Die Stuttgarter-Zeitung hat am 7. Mai einen Artikel über den Nakba-Day veröffentlicht, der sich ähnlich, wie die pro-palästinensischen und vor allem anti-zionistischen Internetseiten und Blogs liest.

Kurzum: Israel ist der ewige böse Täter und die Palästinenser die armen Opfer, die mit diesem Gedenktag ein Zeichen setzen wollen, da sie immer noch einer »Verfolgung« ausgesetzt sind. Eine seriöse und vor allem objektive Auseinandersetzung mit diesem seit schon 68 Jahren anhaltende Problem, gibt es nicht. Wahrscheinlich wird es von vielen Leuten auch nicht gewünscht, denn Israel die Schuld zu geben ist wahrlich einfacher.

Caroline Friedmann von den Stuttgarter-Nachrichten beginnt ihren Beitrag zum Nakba-Day 2016 in Stuttgart mit einem ziemlich reißerischen Zitat:

»Geschichte zu leugnen, ist nicht gesund«,

und partizipiert somit (bewusst, oder unbewusst) an einer wilden, aber gängigen Unterstellung gegenüber Juden, Zionisten und dem Staat Israel.

Quasi wird dem Staat Israel und den Zionisten vorgeworfen, sich ähnlich wie Holocaustleugner zu verhalten, ein relativ häufiges Stilmittel von Israelhassern und Antisemiten.

Die Nakba wird außerdem oftmals mit ähnlich fadenscheinigen Argumenten mit der Shoah gleichgesetzt, aber, dass es eine jüdische Nakba in teilen Nordafrikas und den arabischen Staaten gegeben hat, wird gerne von den Kritikern verschwiegen.

Es sind Passagen, wie:

»Stuttgart – Wie viele Menschen aus ihren Herkunftsländern fliehen müssen, wird den Deutschen derzeit so bewusst wie nie zuvor. Immer noch kommen Flüchtlinge zu uns und hoffen auf ein besseres und sicheres Leben. Auf der Flucht befanden sich vor 68 Jahren auch zahlreiche Palästinenser, die 1948 aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Um an diese Menschen zu erinnern und um deutliche Kritik am Staat Israel zu üben, hat das Palästinakomitee Stuttgart am Wochenende den Palästina-Nakba-Tag auf dem Stuttgarter Schlossplatz veranstaltet.«,

die ein gängiges antisemitisches Bild von bösen Israelis / Juden und armen Palästinenser / Muslimen generieren. Die Presse macht sich dadurch immer wieder zum willigen und aktiven Unterstützer von antisemitischer und antizionistischer Propaganda, obwohl man immer wieder halbherzig betont, dass man gegen Antisemitismus und Rassismus ist.


Auch die »jüdischen Kronzeugen« gegen den Zionismus und den Staat Israel dürfen in der Beweisführung der Israelkritiker nicht fehlen.

Die Journalistin Caroline Friedmann schreibt in ihrem Artikel zum Nakba-Day in Stuttgart:

Deutliche Worte dem Staat Israel gegenüber fanden jedoch weniger die Palästinenser, sondern vor allem Menschen, die selbst israelische Wurzeln haben. So wie der jüdische Verleger, Autor und Journalist Abraham Melzer. Er kämpft seit mehr als 40 Jahren für die Rechte der Palästinenser und gegen das „Unrecht der israelischen Regierung“. „Israel soll die Palästinenser endlich als Menschen anerkennen und sich für Frieden statt für Krieg einsetzen“, sagt Melzer. „Israel bräuchte einen Willy Brandt, der dafür sorgt, dass man auf Augenhöhe mit den Palästinensern spricht.“

Shir Hever von der jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost betonte, wie wichtig es sei, die Vergangenheit nicht tot zu schweigen. Die meisten Israelis wüssten, dass es 1948 eine systematische Vertreibung der Palästinenser gegeben habe, aber darüber sprechen würden die wenigsten. „Und die Geschichte zu leugnen, ist nicht gesund“, so Hever.


Natürlich wird in einem Artikel zum Thema Nakba-Day nur der selbsthassende jüdisch-israelische »Mainstream« zitiert, der in der linken Szene Israels zu verorten ist. Caroline Friedmann ist das aber egal, denn immerhin hat sie Juden zitiert und wenn diese Juden sich gegen Israel und für die Palästinenser aussprechen, um so besser. Das fast schon antisemitische Israelkritik nicht wirklich neu ist, kennt man von den Berichten der ARD Tagesschau und den Artikeln von SPON (Spiegel-Online) unter seinem Chef Jakob Augstein.

Jedenfalls ging gestern dieser Kampftag gegen Israel, Zionismus und Juden in zahlreichen Städten in Deutschland zu Ende. Immer wieder schön ist, dass sich politische Gruppen und freiwillige Organisationen dem offenkundigen Antisemitismus in Gewand einer »Trauerveranstaltung« entgegen setzen. Doch wirklich bedenkenswert sind Artikel, wie der Beitrag der Stuttgarter-Nachrichten, die ein einseitiges und vor allem unseriöses Bild Israels generieren wollen.

Eigentlich könnte man direkt die niveaufreien Beiträge eines selbsternannten »Palästina-Retters« und von Antisemiten geliebten Israelkritikers, wie Jürgen Todenhöfer, lesen.