Schluss mit Holocaust-Gedenken – Gauland, die AfD und deren Problem mit der Erinnerungskultur

Nächste Woche Sonntag, am 24.9. findet in Deutschland die Bundestagswahl 2017 statt. Der Wahlkampf tritt nun in seine letzte entscheidende Phase, wo alle Parteien noch mal alles geben müssen, um potenzielle Wähler überzeugen zu können. Auch die AfD (»Alternative für Deutschland«) buhlt um ihre potenzielle Wählerschaft in den unterschiedlichen deutschen Groß- und Kleinstädten. Dem ARD-»Deutschlandtrend« (Stand vom 14.9.) zufolge ist die AfD die drittstärkste Partei, die in den deutschen Bundestag einziehen könnte. Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) sprach in einem Interview seine Bedenken über die AfD aus: »Wenn wir Pech haben, senden diese Menschen bei der Wahl ein Signal der Unzufriedenheit, das schlimme Folgen haben wird. Dann haben wir zum ersten Mal nach Ende des Zweiten Weltkriegs im deutschen Reichstag wieder echte Nazis.«, der Außenminister könnte mit seiner Behauptung recht behalten. Vor allem die neuen Äußerungen des AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland werfen erneut die Frage auf, ob sich die AfD überhaupt glaubwürdig von Rechtsextremen abgrenzt, oder sogar abgrenzen kann.

Am 2. September kamen auf dem sogenannten »Kyffhäuser-Treffen« , einer Veranstaltung des Flügels, einer national-konservativen Gruppierung innerhalb der AfD, verschiedene Rechtsaußen-Politiker zusammen, unter anderem Björn Höcke, der am Anfang des Jahres das Shoah-Mahnmal in Berlin als »Mahnmal der Schande« bezeichnete. Darauf beschloss der Bundesvorstand ein Parteiausschluss-Verfahren gegen Höcke«, aber eröffnet wurde dieses natürlich nicht. Alexander Gauland beschrieb Björn Höcke in einem BILD-Interview als »ein Teil der Seele der AfD«. Vielleicht gerade deshalb sind die Äußerungen des AfD-Kandidaten Alexander Gauland nicht überraschend.

 

»Ja, wir haben uns mit den Verbrechen der zwölf Jahre auseinandergesetzt. Und, liebe Freunde, wenn ich mich in Europa umgucke: Kein anderes Volk hat so deutlich mit einer falschen Vergangenheit aufgeräumt wie das deutsche.«

Gauland verzichtet bewusst darauf genauer auf die »Verbrechen der zwölf Jahre« einzugehen. Aber warum? AfD-Sympathisanten werden sicher einwerfen, dass doch jedes Kind in Deutschland wisse, was die Nazis getan haben, ABER, dass das doch schon so lange her ist und man endlich die Vergangenheit ruhen lassen sollte. Kann man die Shoah, den industriellen Massenmord an 6 000 000 Jüdinnen und Juden überhaupt »ruhe lassen«? Können die Verbrechen an Behinderten, Homosexuellen, Roma und Sinti, Regimegegnern, Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen, Zeugen Jehovas und Kommunisten überhaupt verjähren?

Nicht die faschistische Clique um Adolf Hitler allein hat Europa in Schutt und Asche gelegt, hat dabei geholfen so viele Menschen »entsorgen zu lassen« und hat schlussendlich aus Deutschland einen Trümmerhaufen gemacht. Es waren unzählig viele Deutsche, die bewusst und aus vollem Herzen diesem Regime dienten. Technokraten, wie SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, machten den Holocaust doch erst möglich. Ja, die »Verbrechen der zwölf Jahre« waren doch vor allem erst wegen der vielen großen und auch kleinen deutschen Rädchen möglich; auch das verdrängt Gauland hier bewusst. Abschließend nennt er das Dritte Reich und seine Verbrechen schlicht und einfach eine »falsche Vergangenheit«, als wäre Deutschland lediglich falsch abgebogen und anschließend wieder auf seinen »tugendhaften Pfad« zurückgekehrt. Ein Schlag in das Gesicht der Überlebenden und deren Nachkommen, die immer noch unter der »falschen Vergangenheit« der Deutschen zu leiden haben.

 

»Man muss uns diese zwölf Jahre jetzt nicht mehr vorhalten. Sie betreffen unsere Identität heute nicht mehr. Und das sprechen wir auch aus.«

»Ich bin nach ’45 geboren und schulde der Welt einen Scheiß!«, liest man immer mal wieder in sozialen Netzwerken, wie Facebook, oder Twitter. Dieser Satz ist zu einem Standardargument deutscher Rechtspopulisten geworden, wenn es um die Verbrechen der Nazis und den Holocaust geht. Auch ein Gauland nimmt den Kerngedanken dieses so abgrundtiefen falschen Satzes auf und strickt damit seine eigene geschichtsrevisionistische Propaganda, die eigentlich vor allem in Neonazi-Kreisen vorherrscht. Er ist der Meinung, dass Erinnerung endlich ist und es für »patriotische« Deutsche keinen Sinn macht, dass man noch weiter an die Shoah und die anderen Verbrechen der deutschen Nazis erinnert. Immerhin seien ja die deutschen Vorfahren schuld und nicht mehr die heutige Generation.

Es bleibt mir ein Rätsel, wieso Befürworter dieser Zeilen in der notwendigen Erinnerungskultur lediglich einen »Schuldkult« sehen und diesen als »anti-deutsch« verfluchen. Es geht um eine Verantwortung, dass das, was zwischen 1933 – 1945 passierte, niemals mehr geschehen darf. Anscheinend wollen Gauland und seine rechtspopulistischen Anhänger das nicht verstehen, aber vielleicht können diese Menschen das auch gar nicht.

 

»Und deshalb, liebe Freunde, haben wir auch das Recht, uns nicht nur unser Land, sondern auch unsere Vergangenheit zurückzuholen. Wenn die Franzosen zu Recht stolz auf ihren Kaiser sind und die Briten auf Nelson und Churchill, haben wir das Recht, stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen.«

Gauland sieht im Hinblick auf die deutsche Vergangenheit nur Rechte, die Pflichten aber, die sich notwendigerweise aus einer derartigen Vergangenheit ergeben sollten, kehrt er unter den Teppich. Seine Anhänger sollen durch diese Semantik wieder mehr »Selbstbewusstsein« erleben, endlich einmal »nicht mehr schuldig sein«, denn für Gauland ist der Holocaust nur ein lästiges Hindernis für die Entfaltung von »deutschem Patriotismus«. Ganz nach dem rechts-nationalistischem AfD-Slogan: »Hol dir dein Land zurück!«

Ja, einige Franzosen sind stolz auf Napoléon Bonaparte, dem »Empereur des Français«. Aber wissen die Gauland-Befürworter denn auch, dass dieser Napoléon den »Code Civil« einführte (auch im Rheinland): ein bahnbrechendes Zivilrecht, welches Kirche und Staat trennte, eine Zivilehe einführte und den französischen Juden Gleichberechtigung versicherte. Auch ein Winston Churchill, einer der größten Politiker des 20. Jahrhunderts, hat unglaubliches geleistet. Er führte Sozialreformen ein, die im Vereinigten Königreich zu positiven Entwicklungen führten und er kritisierte die fatale Appeasement-Politik seines Vorgängers Neville Chamberlain mit Adolf Hitler und dessen Hunger nach Territorium. Doch Churchill führte sein Land auch durch den harten Krieg gegen Nazi-Deutschland, dessen Beginn er vor dem House of Commons am 13. Mai 1940 mit seiner berühmten »Blood, toil, tears, and sweat«-Rede kommentierte.

In genau diese Traditionslinie stellt nun der AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland die deutsche Wehrmacht, deren Rolle im Zweiten Weltkrieg unter Historikern unumstritten ist. Die oft verbreitete Legende von der »sauberen Wehrmacht« ist ein Mythos, eine bewusste Verharmlosung der Beteiligung der Wehrmacht an den Verbrechen Nazi-Deutschlands. An diesem Abschnitt werden sich wieder Rechtspopulisten und AfD-Sympathisanten echauffieren und kritisieren, dass ihre Väter / Großväter sicher keine Kriegsverbrecher waren und genau das hat auch niemand behauptet, denn nicht jeder Soldat der Wehrmacht war ein Verbrecher, ABER sie waren Teil eines Systems, welches Kriegsverbrechen ermöglichte.

Die Wehrmacht hielt sich systematisch nicht an Kriegsrecht und behandelte dementsprechend Gegner und Gefangene. Außerdem ermöglichte die Wehrmacht überhaupt erst die Verbrechen der SS. Die Wehrmacht war sogar aktiv am Holocaust beteiligt, wie an der Massenerschießung von ukrainischen Juden im Tal von Babyn-Jar am 29. und 30. September 1941, bei der 33. 000 Juden ermordet wurden.

Der AfD-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl 2017 Alexander Gauland fordert also das Recht, hierauf Stolz zu sein?

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Über 33.000 Juden ermordete das Sonderkommando 4a der deutschen Einsatzgruppe C am 29. und 30. September 1941 in der Schlucht Babi Jar bei Kiew. Vom Massaker selbst sind keine Bilder überliefert.

 

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Neu hinab getriebene Opfer mussten sich in der Schlucht von Babi Jar auf die Leichen der zuvor Getöteten legen. Dann erschossen die Deutschen sie aus naher Distanz. So füllte sich die Grube nach und nach mit Leichen.

 

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Kameradschaftsabend des Bremer Polizeibataillons 303, vermutlich in Kiew 1941. Nach einer Massenexekution gab es eine Extra-Ration Alkohol.
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Babij Jar, 2004, Menora aus den frühen 1990er Jahren, Stiftung Denkmal, Lutz Prieß

 

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Judenfeindschaft auf Facebook – Gelebter Antisemitismus, seine Vorurteile und die geglaubten Mythen

Schön, dass fisch+fleisch die Artikel der einzelnen Blogger auch immer auf Facebook publiziert, sonst hätte ich wohl kaum die Chance gehabt auf die zahlreichen Perlen aus Deutschland und auch Österreich zum Thema Antisemitismus und Judenhass eingehen zu können. Die gesammelten Beiträge der Facebook-Kommentatoren sind zu zwei Artikeln von mir, die im laufe der Woche auch auf fisch+fleisch und auf deren Facebook-Präsens erschienen sind und zahlreich kommentiert wurden.

Der Artikel »Bist du doch selbst schuld!« – Antisemitismus ein Selbstverschulden der Juden?  behandelt den gegen Juden oft erhobenen stereotypen Vorwurf, dass diese am Antisemitismus »ja selbst schuld seien«, die Facebook-Kommentare machten schlussendlich deutlich, dass die im Artikel vertretende Meinung, dass man Juden immer wieder eine eigene Schuld unterschieben will, leider zutreffend ist.

Mein zweiter Artikel »Bete, Jude!« – Die Geschichte von Rabbi Hagerman handelt von dem Rabbiner Moshe Yitzhak Hagerman, der in einem polnischen Dorf von deutschen Nazis misshandelt und anschließend öffentlich zum Gebet gezwungen wurde, um ihn verhöhnen zu können. Auf diesen Artikel gab es zahlreiche Reaktionen, die vor allem zeigten, wie offen deutsche Facebook-User antisemitische Stereotypen und lupenreinen Judenhass verbreiten.

Natürlich gab es in den Facebook-Diskussionen zu meinen Artikeln auch User, die sich offen gegen den dort verbreiteten Antisemitismus stark machten, diese stellten aber leider doch eher die kleinere Gruppe. Im Verlauf dieses Essays werde ich auf jeweils drei Facebook-Reaktionen zu meinen beiden Artikeln eingehen.

 

»Bist du doch selbst schuld!« – Antisemitismus ein Selbstverschulden der Juden?  

 

  1. Barbara

Barbara

Barbara springt mit ihrem Argument, dass »der Antisemitismus von einer ganz anderen Seite kommt«, nämlich von den »Migranten, die den Antisemitismus mit der Muttermilch aufgesogen haben.«, auf den Zug der Rechtspopulisten auf. Vor allem die angeblichen »Philosemiten« innerhalb der AfD, FPÖ und anderen bekannten Parteien, behaupten gerne, dass der »moderne Antisemitismus« (hat sich Judenhass denn wirklich »modernisiert«?) ausschließlich von Muslimen und ihren linken Helfershelfern ausginge.

Auf den berechtigten Hinweis, dass Antisemitismus auch immer noch in der deutschen Gesellschaft vorhanden ist, reagieren Rechtspopulisten meist identisch, wie die gute Barbara auch, nämlich mit einer patzigen Standardreaktion:

»Ich finde es nicht fair, den schwarzen Peter nur der deutschen Bevölkerung zuzuschieben«. 

Nein, niemand schiebt den »schwarzen Peter« nur der deutschen Bevölkerung zu, aber auch wenn es unter radikalen und vor allem jungen Muslimen einen ausgeprägten Antisemitismus gibt, heißt das nicht, dass man die deutschen Antisemiten, die es sich vor allem in der Mitte der Gesellschaft kuschelig gemacht haben, ignorieren kann.

 

  1. Bernd

Bernd

»„Antisemitismus ein Selbstverschulden der Juden“? Wenn man sich die Aktivitäten von einigen prominenten Juden in der Welt anschaut, liegt das durchaus im Bereich des Möglichen.«, 

die antisemitische Geisteshaltung ist bei dem User Bernd ziemlich deutlich erkennbar, dabei macht er sich kaum Mühe seine Vorurteile zu verbergen.

»Davon abgesehen kann die Unbeliebtheit der Juden bei den Assyrern, den Ägyptern, den Römern bis hin zu den Deutschen wohl kaum in jedem Fall an einer Intoleranz der unterwanderten Völker gelegen haben.«, 

er unterstellt Juden, dass diese andere Völker sogar »unterwandern« würden und nutzt damit eines der beliebtesten antisemitischen Stereotypen des Nationalsozialismus.

Die Nazis waren der Meinung, dass Juden sich wie »Schädlinge« (Juden wurden in der NS-Propaganda meist mit »Ratten« verglichen) in einer Gesellschaft einnisten, aus dieser partizipieren und anschließend das »unterwanderte Volk« in den Untergang reißen würden. Bernd versucht Juden als schädliche Schmarotzer zu diffamieren und dieses unterstellte Verhalten als Grund für Antisemitismus zu deuten.

 

  1. Heinz:

Heinz

Der User Heinz fährt eine ganze Palette von antisemitischen Klischees und Stereotypen über Juden auf, die letztendlich nur belegen, wie stark er in seiner antisemitischen Haltung gefangen ist.

»Die gesamte Film Industrie die sich in jüdischer Hand befindet und einige Groß Bankiers wie Goldman Sachs , Rothschild usw…«,

natürlich dürfen in einem klassischen antisemitischen Kommentar die »Hauptübeltäter« nicht fehlen, nämlich jüdische Großfinanciers, jüdische Banker und Bankunternehmen und schließlich die gesamte amerikanische Film-Industrie.

Sie alle spielen für Antisemiten die entscheidende Rolle für eine allumfassende sogenannte »jüdische Weltverschwörung«. Diese verschwörungstheoretische Idee von einer »jüdischen Clique« wurde in Deutschland unter Hitler und seine Schergen zu einer der beliebtesten antisemitischen Aussagen im Repertoire des NS-Antisemitismus.

»…sowie die ständigen finanziellen Forderungen der wieder Gutmachung der Verbrechen der Nazi`s an Generationen die zu dieser Zeit noch nicht geboren waren sowie der Versuch des ständigen Schüren des schlechten Gewissen´s sowie die Anektion des heute ehemaligen Palestinensergebietes, die Siedlerpolitik die heute betrieben wird , das alles macht die jüdische Bevölkerung – oder ihre Politiker – nicht gerade beliebter.«,

das immer wieder bei Antisemiten vorkommende Argument der »finanziellen Forderung der Wiedergutmachung« nach der Shoah wird oft auch damit verknüpft, dass Juden bzw. Israel das heutige Deutschland mit seiner eigenen Geschichte »unter Druck setzt«, um so finanzielle Mittel »zu erpressen«. Dadurch versucht man Juden als skrupellos zu diffamieren, da sie ja angeblich mit ihren Opfern Profit schlagen wollen. Auch der Nahostkonflikt ist für Antisemiten der ausschlaggebende Garant dafür, warum Juden am Antisemitismus »selbst schuld« sind. Eine objektive Betrachtung der geopolitischen Entwicklungen in Nahost werden von Antisemiten meist gar nicht beachtet, da dadurch das Bild von den »bösen Juden« und den »armen Palästinensern« als klischeehafte Vereinfachung des Nahostkonflikts enttarnt wird.

»Ich kann verstehen dass man den Holocaust nicht vergessen kann und soll, aber die neue Generation sollte doch einen anderen Zugang zu ihrer Geschichte haben und nicht andere Völker als Nazi`s bezeichnen.«

Niemand bezeichnet »andere Völker« als Nazis, auch wird das heutige Deutschland nicht mit dem »Nazi-Deutschland« gleichgesetzt. Junge Israelis reisen gerne nach Deutschland, nicht zuletzt aus dem Grund den familiären Spuren in Europa vor der Shoah auf den Grund zu gehen. Doch der Umgang mit der deutschen Geschichte und eben auch des Holocaust, setzt voraus, dass man weiß, dass in Deutschland von 1933 – 1945 die Nationalsozialisten zahlreiche Unterstützer in der deutschen Bevölkerung hatten, die eben auch den eliminatorischen Antisemitismus mit trugen.

 

»Bete, Jude!« – Die Geschichte von Rabbi Hagerman

  1. Stephan

Stephan

»Ich kann es nicht mehr sehen und hören. Seit Jahrzehnten werde ich mit den Taten mir völlig fremder Menschen malträtiert. Die sind damals alle diesem völlig irren Hitler nachgerannt. Ja, zum Kuckuck!!! Ich kenne keinen Deutschen, der heute vor hat , die Weltherrschaft zu erringen. Und bis auf wenige Spinner glaubt auch keiner mehr, dass die arische Rasse überlegen- wenn nicht sogar göttlichen Ursprungs ist. Und nein!!!! Wir Deutschen wollen keinen Juden töten! Nicht einen!!! Amen«

Was viele Menschen in Deutschland nicht verstehen wollen, oder vielleicht auch einfach nicht können, ist, dass es bei Geschichten aus dem Holocaust nicht um eine plumpe Schuldzuweisungen geht, oder um die abstruse Behauptung, Deutschland wolle wieder zurück zu einer Diktatur und alle Deutsche sind Täter. Doch eben genau das versuchen wutentbrannte Kommentare, wie der von Stephan, Shoah-Erinnerungen zu unterstellen.

Die Erinnerung an die Opfer und auch die Täter der Shoah sollen nicht »malträtieren«, sondern mahnen, aufklären und die Menschen für Antisemitismus und Rassismus sensibilisieren. Der Holocaust wurde Teil der jüdischen, aber auch der deutschen Identität. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob man Täter, oder auch Opfer in der Familie hatte. Die gemeinsame Geschichte verbindet, aber verpflichtet uns auch gleichzeitig. Vor allem, wo doch Menschen, wie Stephan, z.B. der Türkei und Türken oft genug vorwerfen, sie würden sich kaum bis gar nicht mit dem Völkermord an den Armeniern beschäftigen.

Zwar glaubt Stephan und man kann es nur hoffen, dass es keine Deutschen gibt, die Juden ermorden wollen, aber dabei blendet er wohl bewusst, vielleicht auch aus Selbstschutz unbewusst, deutsche Antisemiten aus.

 

  1. Dirk

Dirk 1 + 2

Dirk glaubt auch fest an weit verbreitete antisemitische Stereotypen und die sogenannte »jüdische Weltverschwörung«, die ihre »Fäden in den höchsten Kreisen von Politik und Wirtschaft ziehen«:

»Christen gegen Moslems ! Und wer ist der lachende Dritte ? 🙄🙄🙄🙄 Ich habe mich mit diesem Thema 2 Jahre beschäftigt! Ist leider so !!!! Merkel wird geführt von den Mächtigen! Und wer sind diese ? Banken !!!! Und wem gehören sie ? Genau !!!! Könntest das verstehen !!!!! 🤦‍♂️🤦‍♂️🇩🇪« 

Immer wieder findet man in den Diskussionen über die EU, die Flüchtlingskrise, deutsche Politik und der Kritik an Frau Dr. Angela Merkel antisemitische Tendenzen, Spitzen, oder gar eindeutigen Antisemitismus. Meist unterstreichen Antisemiten ihre Aussagen mit einer angeblichen »gründlichen Recherche«, so wie Dirk, der angibt, dass er sich mit diesem Thema schon ganze zwei Jahre beschäftigt hätte. Doch ernstzunehmend seriöse Quellen, oder Belege dafür, dass wirklich eine »kleine einflussreiche jüdische Clique« die Weltpolitik beeinflusst, werden nie gebracht.

In seinem Kommentar will Dirk auch bekanntes stereotypes Bild pflegen, welches Juden als »Unruhestifter« zeigen will:

»Christen gegen Moslems ! Und wer ist der lachende Dritte ? 🙄🙄🙄🙄«

Die Juden sollen als Sündenbock herhalten, die an den Konflikten, Nöten und Problemen der Welt beteiligt sind, oder sogar die Initiatoren des ganzen Schlamassels sein müssen. Eine solche Annahme verhindert, dass sich Antisemiten mit ihren eigenen und vor allem privaten Nöten objektiv auseinander setzen können. Die sogenannte Sündenbock-Theorie ist auch oft bei syrischen Flüchtlingen zu registrieren, die oft der Annahme sind, dass eben nicht das Assad-Regime, der Islamische Staat, oder Al-Nusra am Leid der syrischen Bevölkerung beteiligt sind, sondern lediglich ominöse Zionisten, die »alle gegeneinander ausspielen«. Das sind die klassischen antisemitischen Denkstrukturen, die es einer Problemlösung schwer machen.

 

3) Doris

Doris

»Ich bin 1959 geboren warum soll ich dafür geradestehen es war nicht richtig und die juden tun mir in der seele leid aber es steht auch in der biebel das der jude auf ewig das verfolgte folk sein wird und waum weil sie gottes sohn an den pfahl gebracht haben.«

Doris repräsentiert mit ihrem Kommentar den Archetypus des christlichen Antijudaismus. Anti-Jüdische Ausgrenzung und gewaltsame Pogrome erklärt sie damit, dass »die Juden Gottes Sohn an den Pfahl gebracht haben«. Damit bedient sich Doris dem mittelalterlichen Vorwurf gegenüber Juden, sie seien »Gottesmörder«. Bis heute wird vor allem in konservativen Kreisen der katholischen Kirche in der Karfreitagsliturgie die Meinung vertreten, dass Juden nicht nur den »Messias Jesus«, sondern sogar Gott getötet haben. Das 2. Vatikanum, besonders der Punkt Nostra Aetate versuchte gegen die pauschalisierte Anschuldigung vorzugehen. Dennoch bleibt der Vorwurf Juden seien »Gottesmörder« bis heute im Standardrepertoire der Antisemiten. Im Bezug auf den Holocaust versucht sich Doris mit der allgemein bekannten Ausrede »Bin nach ’45 geboren und schulde der Welt einen Scheiß«, herauszureden. Wieso sollten sich dann noch Juden, 2000 Jahre nach der Kreuzigung von Jesus, der christlichen Verleumdung aussetzen?

 

Die sechs von mir vorgestellten Facebook-Kommentare, die entweder lupenreinen Antisemitismus pflegen, oder diesen versuchen zu verharmlosen, beweisen exemplarisch, wie stark antisemitische Stereotypen und anti-jüdische Hetze in den deutschsprachigen sozialen Netzwerken verbreitet sind. Erneut wird der Antisemitismus salonfähig, vor allem das Schweigen der liberalen und freiheitlichen demokratischen Gesellschaft trägt dazu bei, dass der Judenhass nicht mehr nur in den radikalen Spektren (extremistische Linke, Rechte und Muslime) zu finden ist, sondern nun auch wieder ein Teil der deutschen Gesellschaft wurde.

»Bete, Jude!« – Die Geschichte von Rabbi Hagerman

Ende Juli Anfang August 1940, also vor 77 Jahren, führten Wehrmacht und Gendarmerie »Vergeltungsaktionen« gegen polnische Juden durch. Damit begannen die Grausamkeiten der Shoah in Osteuropa; der Krieg Nazi-Deutschlands gegen das freie Europa war gerade erst 10 Monate alt.

Deutsche Soldaten und Gendarmen verhöhnten und quälten wehrlose Juden und zu ihrer Erinnerung posierten sie gut gelaunt für das private Fotoalbum. Unter einem Foto auf denen SS-Männer mit Schlagprügel vor knienden jüdischen Männern fuchteln, schreibt einer von ihnen: »Funker Griese belehrt Lubliner Juden mit erhobenem Stock«. Doch was folgte waren nicht einfache »Belehrungen«, sondern unmenschlicher Terror: Razzien, Verhaftungen und Hinrichtungen.

Die deutschen Besatzer lebten ihren wahnhaften und vor allem eliminatorischen Antisemitismus frei und ungehindert aus. In der polnischen Stadt Olkusz (von 1941 – 1945 »Ilkenau«, liegt in der Woiwodschaft Kleinpolen) wurde durch einen Einbrecher ein deutscher Gendarm getötet, daraufhin führte Polizei und Wehrmacht Ende Juli 1940 eine »Strafaktion« durch. Ein Bild davon bleibt dabei am prägnantesten und steht vielleicht sogar sinnbildlich für den Holocaust und das Leid des jüdischen Volkes im 20. Jahrhundert.

Am Morgen des 31. Juli 1940 wird Moshe Yitzhak Hagerman, ein orthodoxer Rabbiner der Stadt Olkusz von deutschen Soldaten und Gendarmen auf den Marktplatz geführt. Er trägt gerade für das traditionelle Shacharit (das jüdische Morgengebet) sowohl den Tallit (jüdischer Gebetsmantel mit schwarzen, oder blauen Streifen), als auch die Tefillin (Gebetsriemen, die sowohl am Kopf, wie am Arm zum Gebet gebunden werden). Sicherlich wurde er von den Soldaten gerade in seinem Gebet unterbrochen, vielleicht sogar auch ein gesamtes Minyan (eine Gruppe von 10 oder mehr Männer, die für das jüdische Gebet in der Synagoge notwendig sind).

Auf dem Boden des Marktplatz liegend, befinden sich alle jüdischen Männer des Ortes Olkusz, also wohl der gesamte männliche Anteil der örtlichen Synagoge. Was nun folgt ist sinnbildlich für den Antisemitismus von Nicht-Juden, der sich durch fast alle Jahrhunderte der menschlichen Geschichte trägt.

Die deutschen Männer fordern den Rabbiner auf zu beten, also das Shacharit »ganz normal« fortzuführen. Aber wie sollte der Geistliche das tun, wo doch seine männliche Gemeinde auf dem harten Steinboden liegt, geschlagen, verhöhnt und zum Teil sogar totgeschlagen (20 Männer wurden auf in Folge dieser »Vergeltungsaktion« auf dem Marktplatz mit Gewehrkolben tot geprügelt)? Seine Tefillin, also die jüdischen Gebetsriemen, sind geschändet worden, wohlmöglich haben Soldaten die Lederkapseln aufgeschnitten und die koschere Pergamentrolle mit einem der wichtigsten Gebete des Judentums entfernt (auf Fotos sieht man, wie der Kopfteil der Tefillin geöffnet ist); es mussten Männer gewesen sein, die sich damit genau auskannten, was Tefillin für uns Juden bedeuten. Die deutschen Soldaten und Gendarmen lachen, als dann doch der Rabbiner in seine Gebetshaltung geht und wohl die Arm-Tefillin zu ende binden will.

Die Nazis wollen nicht nur Jüdinnen und Juden demütigen, sondern in ihrem Wahn auch den Gott Israels verspotten, der in der Stunde der Not seinen Gläubigen wohl nicht zur Hilfe eilt. Doch was betet vielleicht der Rabbiner, gedemütigt und entwürdigt auf dem Marktplatz? Vielleicht einen Pslam, der von Rettung und Tröstung spricht? Oder doch ein Gebet aus den Amidah (Achtzehnbittengebet), der dafür bittet, dass die Verleumder von Gott gestraft werden?

Nein, der Rabbiner Moshe Yitzhak Hagerman wird nur EIN EINZIGES Gebet sprechen, der für die gottlosen Nazis unwichtig und zugleich belustigend wirken wird, aber NICHT für die Gläubigen (sogar für Christen, denn auch für Jesus war es DAS Gebet), denn es ist die ultimative Botschaft Gottes: das Sh’ma Israel. Denn darin offenbart sich uns Juden Gott in seiner Herrlichkeit, Treue und Liebe. Er versichert uns damit, dass wir selbst in der aussichtslosesten Lage nicht allein sind.

Rabbi Moshe Yitzhak Hagerman war wahrlich ein jüdischer Tzadik, ein Gerechter, denn er gab den Leidenden seiner Gemeinde Trost. Der Rabbi wurde schließlich 1942 von den deutschen Nazis in Majdanek ermordet.

»Bist du doch selbst schuld!« – Antisemitismus ein Selbstverschulden der Juden?

»Wer mit Kippa offen rum rennt, der brauch sich nicht wundern, dass er angefeindet wird!«, oder »Die Juden schüren doch den Antisemitismus selbst!!! Die provozieren täglich mit ihrem Gehabe in Palästina!!!« , oder eben auch »Bin ja kein Antisemit, ABER die Juden sind auch nicht unschuldig an ihrer Situation! Und außerdem muss mal gut sein, was können wir Deutschen heute noch für den Holocaust?!«, sind Meinungen, die wohl jeder Jude in Deutschland sicherlich schon mal gehört, oder gelesen hat.

In der letzten Woche berichtete ich über einen antisemitischen Vorfall im Ruhrgebiet und wieder konnte ich, vor allem bei Facebook, derartige Kommentare zum geschilderten Vorfall lesen. Das Fazit der aller meisten, meist deutschen User, war: Der Jude ist am Antisemitismus vorwiegend selbst schuld!

Vor 72 Jahren endete der Zweite Weltkrieg und damit auch die industrielle Vernichtung von mehr als 6 000 000 Juden. Die Shoah (bedeutet im Hebräischen unter anderem »große Katastrophe«) begann nicht direkt mit den »Gaswagen« hinter der Ostfront, den  Massenerschießungen in Osteuropa, oder schließlich mit Zyklon-B-Gaskammern und Krematorien in Auschwitz, sondern mit der gezielten Anfeindung, Ausgrenzung und Schuldzuweisung gegenüber Juden in und außerhalb Deutschlands.

Der »moderne« Antisemitismus vermischt auf perfide Weise den Antijudaismus, vorwiegend aus dem mittelalterlichen Christentum, mit den rassistischen Grundideen des 19. Jahrhunderts. Juden wurden damit zu einer »Rasse« erklärt und die antijudaistischen Stereotypen, die Christen uns gaben, waren damit nun »vererbbar«. Die Nazis wollten mit der willigen Unterstützung vieler Deutscher, das Judentum samt Juden mit »Stumpf und Stil« aus der Welt entfernen. Waren Juden daran nun auch »vorwiegend selbst schuld«?

Deutsche Neonazis sind sich jedenfalls überwiegend einig, dass Juden am Holocaust »selbst schuld« waren, da das »internationale Judentum« mit »Sitz in den USA« einen »Krieg gegen Deutschland anzettelte«. Einzelne Boykott-Aufrufe in den 30er Jahren gegen deutsche Waren als Grund für industriellen Völkermord?

Hier vertauschen Anhänger der Täter-Ideologie Ursache und Wirkung, Opfer und Täter, wie eben auch Wahrheit und Fiktion. Die Wahrheit ist, dass amerikanische Juden als Reaktion auf den offen wachsenden Antisemitismus in Nazi-Deutschland deutsche Produkte in den USA boykottieren wollten. Keine anti-deutsche Agitation des »Weltjudentums« und auch keine Kriegserklärung gegen Deutschland, sondern einfach ein klares, wenn auch vergebenes Zeichen gegen den bedrohlichen staatlichen Antisemitismus der Nazis.

Im Bayrischen Viertel in Berlin erinnern duzende Schilder an den Beging der antisemitischen Ausgrenzung und den Holocaust in Deutschland. Die Nazis wollten Juden von Nicht-Juden trennen und beschnitten deshalb den Alltag deutscher Juden mit unzähligen Verboten, die ein normales Leben in Deutschland unmöglich machten. Gelbe Bänke nur für Juden, Juden war es untersagt an Badeseen und in Schwimmbändern schwimmen zu gehen und selbst die Tierhaltung war für Juden verboten worden. Die Ausübung der jüdischen Religion kam schließlich mit den Novemberpogromen 1938 und den damit verbundenen Übergriffen auf Synagogen (jüdische Bethäuser wurden von Nazis und ihren deutschen Unterstützer einfach abgefackelt) in Deutschland zum Erliegen. Die Nazis verbrannten, schändeten und stahlen Torah-Rollen, Tallitots (jüdische Gebetsmäntel) und andere Judaica-Gegenstände; Martin Luther hätte wohl wegen dieser grausigen Entwicklung Luftsprünge gemacht.

Im Hinblick auf diesen Teil der deutschen Geschichte ist es wirklich unverschämt, wenn Menschen in Deutschland auch heute wieder die Schuld für Antisemitismus bei Juden suchen. Jetzt wird der ein oder andere Leser sich vielleicht denken, dass doch »die Juden« in Israel »wehrlose Palästinenser ermorden« und damit selbst einen »Holocaust durchführen«. Auch diese irrsinnige Argumentation rechtfertigt den Antisemitismus, den es in Deutschland immer noch gibt, nicht im geringsten! Es kann einfach nicht sein, dass die Yarmulke (Jiddisch für Kippah), oder andere Judaica, wie der Davidstern, immer noch in Deutschland als »Freifahrtschein« für offenen Antisemitismus gelten.

Weder die Kippah, noch der Davidstern und schon gar nicht Juden selbst sind der Grund für Antisemitismus, sondern der Antisemit selbst! 

#WeRemember – Wir erinnern…

 

830.000 Damenmäntel und Kleider,

348.000 Herrenanzüge, 

7 Tonnen Menschenhaar

…und nur 7000 Überlebende. 

Eine Bilanz am 27.1.1945 in Auschwitz-Birkenau

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Die Koffer hinter den Glasscheiben in der Gedenkstätte im ehemaligen Stammlager Auschwitz

An diesem Freitag, dem 27. Januar 2017 (29. Tevet 5777), jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee zum 72. Mal. Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau im damalig durch die Nazis besetzten Polen war das wohl schlimmste Todeslager des Dritten Reichs, schätzungsweise 1,1 Millionen Menschen starben dort; überwiegend in den dortigen Gaskammern ermordet und dann in den Krematorien verbrannt. Noch heute, wenn man die Überreste des Todeslagers besucht findet man dort noch die verstreute Asche der Verbrannten.

Den Schrecken, den die russischen Soldaten dort sahen und dokumentierten schockiert bis heute Überlebende, Nachkommen, Historiker, Lehrer, Schüler, eben jeden Menschen, der sich mit dem Holocaust (der Shoah) auseinandersetzt. Denn der industrielle Massenmord der deutschen Nationalsozialisten an 6 000 000 Juden, bleibt groteske Einmaligkeit der Geschichte.

Besonders die Kinder und deren traurige Schicksale in Auschwitz-Birkenau macht sprachlos. SS-Ärzte führten grausame Experimente an vielen Kindern durch, dabei wurden sie sogar so hohen Strahlungsdosen ausgesetzt, dass sie schlimme Verbrennungen erlitten. Für den »SS-Wirtschaftsbetrieb« Auschwitz-Birkenau waren diese Kinder nicht mehr arbeitsfähig und wurden in die Gaskammern geschickt; die Mörder in Uniform, oder Arztkittel spielten die Rollen von unmenschlichen Todesengeln (so nannte man später auch den berüchtigten SS-Arzt Josef Mengele).

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Kinder im Vernichtungslager Auschwitz kurz nach der Befreiung durch die sowjetische Armee im Januar 1945

Ein anonymes jüdisches Kind schrieb folgendes Gedicht:

Ich sitze mit meinen Puppen am Ofen und träume.

Ich träume, dass mein Vater zurückgekommen ist.

Ich träume, dass mein  Vater noch am Leben ist. 

Wie gut ist es doch  einen Vater zu haben.

Ich weiß nicht, wo mein Vater ist.

Anonym – A Treasury of Jewish Poetry

»We Remember – Wir erinnern.«, mit diesem kurzen, aber prägnanten Satz rief der World Jewish Congress (WJC) dazu auf, man möge an die Shoah erinnern und somit auch endlich jene Menschen erreichen, denen dieses Kapitel der Geschichte immer noch schier egal ist, oder die wirklich noch nie etwas über den Holocaust gehört haben. Unter dem Hashtag »#WeRemember« findet man in den sozialen Netzwerken, wie Facebook, Twitter, oder Instagram Fotos von Menschen, die mit dem prägnanten Satz mahnen.

Muss man denn wirklich 72 Jahre nach dem Holocaust in Deutschland, in Europa und auf der Welt noch mahnen?

Natürlich, denn die Shoah präsentiert einen grausigen Einblick auf einen tiefen dunkeln Abgrund des Menschen, das unendliche Leid des Lebendigen und die Ohnmacht des Göttlichen.

Solange rassistischer Antisemitismus, religiöser Antijudaismus und politischer Judenhass in der Welt existiert, sind wir, Juden und Nicht-Juden, gefragt gegen dieses Übel einzustehen!

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WIR ERINNERN – WE REMEMBER!

Das »Mahnmal der Schande« – Der Beweis für den Antisemitismus der AfD

»Höcke kommt! #DresdnerGespräche«, mit diesem Satz ludt am 17.1.2017 die »Junge Alternative Dresden« zu einer Veranstaltung ins Ball- und Brauhaus Watzke am Elbufer im Stadtteil Mickten in die »Hauptstadt des Widerstands« nach Dresden.

Auf einem Einladungs-Flyer blicken die Hauptredner des Abends, ein minimierter Markus Mohr (AfD-Ratsherr der Stadt Aachen) und ein dagegen übergroßer Björn Höcke (AfD-Fraktionsvorsitzende im Thüringer Landtag), heroisch auf die restaurierte Liebfrauenkirche der Stadt Dresden. Natürlich wurde der sakrale Hintergrund, den die JA (Junge Alternative) gewählt hat, nicht willkürlich ausgewählt, sondern dient einem entscheidenen politischem Kalkül, welcher sich im Laufe des Abends noch bestätigen sollte. Denn nichts, was der beurlaubte Gymnasiallehrer Höcke tut ist improvisiert, oder wird dem Zufall überlassen.

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Der ultrarechte AfDler versteht es sich innerhalb des rechtspopulistischen Spektrums zu inszenieren, ja sich als eine DER »Galionsfigur en des Widerstands« feiern zu lassen. Höcke repräsentiert, wie kein Anderer, den völkisch-nationalen Anteil innerhalb der AfD und führt die neurechten Gruppen innerhalb Deutschlands zusammen.

Als Höcke am Abend am Dresdener Ball- und Brauhaus Watzke eintrifft, ist er in Begleitung von Götz Kubitschek, einem neurechten Ideologen und PEGIDA-Veteranen. Auch die Sicherheit und die dort eingesetzten Ordner werden von der PEGIDA-Bewegung gewährleistet und gestellt; diese tragen sogar eine Art Uniform mit rotem Emblem und scharen sich um den Hauptredner Höcke. Das rechte »Compact«-Magazin des Querfrontler Jürgen Elsässer ist für die Liveübertragung via YouTube-Kanal zuständig und filmt den Abend.

Mit der Person Höcke scheinen die neurechten Organisationen und Größen zu harmonieren. Eine Frauke Petry, Bundes- und Landesvorsitzende der »Alternative für Deutschland« ist dagegen nicht gekommen – sie lehnt sowohl die PEGIDA, als auch den Hauptakteur des Abends Höcke vehement ab.

Die Rede von Björn Höcke, dem 44-jährigen beurlaubten Lehrer aus Eichsfeld, wird immer wieder durch »Höcke«-Skandierungen, »Volksverräter!«-Schmähungen und standardisierten »Wir sind das Volk!«-Rufen unterbrochen. Man merkt deutlich, Höcke genießt diese Augenblicke des politischen Ruhms, gar fanatisch blickt er ins »patriotische« Publikum und lässt immer wieder die Lobeshymnen abebben, bevor er mit seinem Sermon fortführt.

Es sind Szenen, die man in der deutschen Geschichte schon mal gesehen hat, aber damals wurden diese nicht mit Hilfe der Internetplattform YouTube, sondern in schwarz-weiß und nicht in einem Brauhaus in Dresden, sondern im bayrischen München festgehalten.

Der Anfang seines Auftritts besteht aus bereits bekannten Äußerungen, die Höcke auch andernorts schon oft getätigt hat und das Bekannte bei seinem Publikum nun noch mal festigt, denn stetige Wiederholung führt bekanntlich zum »Lernerfolg«; da scheint wohl der Lehrer in ihm wieder hervorzukommen.

Gegen Ende seiner Rede geht Björn Höcke aber einen völlig neuen Weg, keine Rezitativen mehr, kein stumpfes Einpeitschen von bereits bekannten Äußerungen, sondern völlig neue Impulse. Dabei wird der AfD-Mann immer fanatischer und badet in der Aufmerksamkeit seines Publikums. Folgendes äußert er zum Abschluss seines Aufenthalts Dresden:

»Die Bombardierung Dresdens und der anschließende Feuersturm vernichtete die Elbflorenz und die darin lebenden Menschen. Die Bombardierung Dresdens war ein Kriegsverbrechen. Sie ist vergleichbar mit den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki. Mit der Bombardierung Dresdens und der anderen deutschen Städte wollte man nichts anderes, als uns unsere kollektive Identität rauben. Man wollte uns mit Stumpf und Stil vernichten, man wollte unsere Wurzeln roden. Und zusammen mit der dann nach 1945 begonnenen systematischen Umerziehung hat man das dann auch fast geschafft. Deutsche Opfer gab es nicht mehr, sondern es gab nur noch deutsche Täter. Bis heute sind wir nicht in der Lage, unsere eigenen Opfer zu betrauern. Und augenfällig wurde das wieder mit dem würdelosen Umgang mit den Opfern des Berliner Terroranschlags.

Der von Markus Mohr schon zurecht bemerkte Wiederaufbau der Frauenkirche war für uns Patrioten ein Hoffnungsschimmer dafür, dass es ihn doch noch gibt, diesen kleinen Funken deutschen Selbstbehauptungswillen. Aber, liebe Freunde, bis jetzt sind es nur Fassaden, die wieder entstanden sind. Jetzt ist unsere Geistesverfassung, unser Gemütszustand immer noch der eines total besiegten Volkes. Wir Deutschen, und ich rede jetzt nicht von euch Patrioten, die sich hier und heute versammelt haben, wir Deutschen als unser Volk sind das einzige Volk der Welt, dass sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat. Wenn man sich statt die nachwachsende Generation, mit den großen Wohltätern, mit den bekannten, weltbewegenden Philosophen, den Musikern, den genialen Entdeckern und Erfindern, in Berührung zu bringen, von denen wir ja so viele haben, Markus Mohr hat darauf hingewiesen und sie namentlich stellenweise erwähnt und es war doch nur eine kleine Gruppe, die er mangels Zeit aufzählen konnte, vielleicht mehr als jedes andere Volk auf dieser Welt, liebe Freunde, und anstatt unsere Schüler in den Schulen mit dieser Geschichte in Berührung zu bringen, wird die Geschichte, die deutsche Geschichte mies und lächerlich gemacht. So kann es und so darf es nicht weiter gehen.

So kann es, so darf es und so wird es nicht weiter gehen, liebe Freunde. Es gibt keine moralische Pflicht zur Selbstauflösung. Die gibt es nicht. Im Gegenteil, es gibt die moralische Pflicht, dieses Land, diese Kultur, seinen noch vorhandenen Wohlstand und seine noch vorhandene staatliche Wohlordnung an die kommende Generation weiter zu geben, das ist unsere moralische Pflicht. Wenn wir eine Zukunft haben wollen und wir wollen eine Zukunft haben und immer mehr Deutsche erkennen, dass auch sie eine Zukunft haben wollen, dann brauchen wir eine Vision. Eine Vision wird aber nur dann entstehen, wenn wir uns wieder selber finden, wenn wir uns wieder selbst entdecken. Wir müssen wieder wir selbst werden.Selber haben werden wir uns nur, wenn wir wieder eine positive Beziehung zu unserer Geschichte aufbauen. Und schon Franz-Josef Strauß bemerkte, die Vergangenheitsbewältigung an altgesamtgesellschaftliche Daueraufgabe, die lähmt ein Volk.

Liebe Freunde, Recht hat er, der Franz-Josef Strauß! Und diese dämliche Bewältigungspolitik, die lähmt uns heute noch viel mehr als den Franz-Josef Strauß zeitens. Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad. Wir brauchen so dringend wie niemals zuvor diese erinnerungspolitische Wende um 180 Grad. Liebe Freunde, wir brauchen keine toten Riten mehr in diesem Land, wir haben keine Zeit mehr, tote Riten zu exekutieren, wir brauchen keine hohlen Phrasen mehr in diesem Land, wir brauchen eine lebendige Erinnerungskultur, die uns vor allen Dingen und zu aller erst mit den großartigen Leistungen der Altvorderen in Berührung bringt.«

(Textversion der Höcke-Rede vom 17.1.2017. Bereitgestellt von Andreas Kemper auf seiner Facebook-Präsenz)

Nach der Abschlussrede schallte tosender Applaus durch den Saal des Dresdner Ball- und Brauhaus Watzke, gefolgt von Lobeshymnen, Rufen und permanenten Standing Ovations der AfD-Anhänger und des neurechten Publikums. Höcke spricht aus, was viele seiner Anhänger von AfD und PEGIDA, aber auch der rechtsextremen Parteien, wie NPD und III. Weg denken.

Für Björn Höcke, wie anscheinend auch seinen Anhängern und Zuhörern ist nun klar geworden, dass Deutschland eine durch den 2. Weltkrieg gedemütigte und »fast ausgeschlöschte« Nation ist.

Er behauptet, wie andere rechtsextreme Vertreter innerhalb der deutschen Politiklandschaft, dass die Luftangriffe auf Dresden (vom 13. bis zum 15. Februar 1945) einem abscheulichen Kriegsverbrechen gleichkommen und von den Ausmaßen sogar vergleichbar mit den Atombombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki 1945 sind.

Er spitzt seine Argumentation damit zu, dass er sagt:

»Mit der Bombardierung Dresdens und der anderen deutschen Städte wollte man nichts anderes, als uns unsere kollektive Identität rauben. Man wollte uns mit Stumpf und Stil vernichten, man wollte unsere Wurzeln roden.«,

damit schließt sich der studierte Geschichtslehrer Höcke dem Gusto der bekannten Geschichtsrevisionisten an, wie unteranderem einem Schultze-Rhonhof (ehemaliger Generalmajor der Bundeswehr). Und reiht sich nun auch in die Riege der Neonazi-Apologeten ein; der Unterschied liegt lediglich darin, dass Höcke nicht vom »Bombenholocaust am deutschen Volk« schwadroniert.

Doch eine Aussage des letzten Teils der Brandrede Höckes stellte alles Gesagte in den Schatten, nämlich die Diffamierung des Holocaust-Mahnmahls in Berlin. Höcke sagt dazu folgendes in seiner Rede:

»Jetzt ist unsere Geistesverfassung, unser Gemütszustand immer noch der eines total besiegten Volkes. Wir Deutschen, und ich rede jetzt nicht von euch Patrioten, die sich hier und heute versammelt haben, wir Deutschen als unser Volk sind das einzige Volk der Welt, dass sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.«,

das Holocaust-Mahnmal, die notwendige Erinnerung an die durch die Nazis industriell vernichteten 6 Millionen Juden, ist für Höcke ein »Denkmal der Schande«. Die Erinnerung an das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte also etwas, was den deutschen Nachkriegsgenerationen nachhaltig geschadet hat, gar dem ganzen deutschen Volk bis heute immer noch Schaden zufügt, besonders der »deutschen Identität«.

Das Gedenken an die Opfer der Shoah ist damit also ein Teil der »Umerziehung nach 1945«, ein Plan, der die Deutschen »mit Stumpf und Stil« am Deutschsein hindern will.

Auf seiner Facebookpräsens postet Björn Höcke ein Bild, welches ein Zitat des »DER SPIEGEL«-Gründers Rudolf Augstein zeigt (DER SPIEGEL 49/1998):

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Damit will Höcke zeigen, dass er mit seiner »Mahnmal der Schande«-Apologetik nicht allein ist. Doch das Zitieren eines bekannten deutschen Nachkriegs-Antisemiten, wie Rudolf Augstein, untermauert doch  nur noch auf perfide Weise, dass Höcke und die AfD ideologische Träger von Antisemitismus sind.

Natürlich fühlte sich Björn Höcke, ein Tag danach, falsch interpretiert, aber das ist ja kein Einzelfall im »Causa Höcke«. Schon in der Vergangenheit viel Höcke durch perfide Äußerungen auf, so sprach er sich sogar für die berühmte  und verurteilte Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck aus und verharmloste ihre Holocaustleugnung mit den Worten:

»sogenannte Meinungsdelikte«,

Abschließend wird aber auch klar, warum die »JA Dresden« die Liebfrauenkirche als Flyer-Hintergrund gewählt hat, denn für Höcke und seine Anhänger ist klar: Deutschland muss sich wieder seiner glorreichen Tagen erinnern. Deutschland soll wieder groß und stark werden. Deutschland muss, wie der Phönix aus der Asche steigen und den »Schuldkult« abschüttlen. Besonders Letzteres ist das Kernziel einer jeden deutschen rechtsextremen Gruppierung. 

Durch die Brandrede vom 17.1.2017 sollte klargeworden sein, dass die Verharmlosung der AfD unser demokratisches Deutschland erst bist zu diesem Punkt gebracht hat.

WEHRET DEN ANFÄNGEN!