Der Antaios-Verlag –– Der rechte Moloch auf der Leipziger Buchmesse 2018

Wieder einmal rückt eine deutsche Buchmesse in kürzester Zeit in den politischen Fokus, da sich auch in Leipzig die neu-rechte Szene vor allem in der Literaturwelt als »letzte Stimme der Vernunft« verkaufen will.

Auch auf der Leipziger Buchmesse (21. März – 24. März 2018) hat es der neu-rechte Verlag Antaios geschafft einen Stand zu organisieren, obwohl nicht nur zahlreiche renommierte Verlage seit der Geschehnisse auf der Buchmesse in Frankfurt im Oktober 2017 protestierten.

Der Antaios-Verlag wurde im Jahr 2000 von Götz Kubitschek gegründet und gilt seit dem, neben KOPP und COMPACT, als DAS literarische Zentrum der deutschsprachigen Neu-Rechten. Dabei ist Kubitschek in der neu-rechten Szene überhaupt kein Unbekannter, immerhin schrieb er ja lange Zeit für das Presseorgan der Szene, die »Junge Freiheit«. Der rechte Verleger Kubitschek unterhält viele enge Verbindungen sowohl in die neu-rechte (AfD und PEGIDA), als auch in die rechtsextreme Szene (NPD), was sich vor allem im Repertoire des Verlags widerspiegelt. Im Bezug auf den Antisemiten Wolfgang Gedeon, seine antisemitischen Publikationen und dessen Rauswurf aus der AfD-Fraktion im baden-württembergischen Landtags, schrieb Götz Kubitschek öffentlich über die »weltgeschichtliche Bedeutung des Judentums, des Zionismus« und die sogenannte »Holocaust-Industrie«. Der Journalist Alan Posener beschuldigte daraufhin völlig gerechtfertigt Kubitschek aufgrund seines antisemitischen Pamphlets des Antisemitismus. Kubitschek regierte darauf mit einer weiteren antisemitischen Publikation, die diesmal gegen Posener (aus einer jüdischen Familie stammend) mit dem Titel »Ein vergifteter Brunnen – Alan Posener zugedacht« ging.

 

Aus dem gleichen geistig ideologischen Dunstkreis eines Kubitschek stammt auch die Literatur, die er über seinen Antaios-Verlag publiziert; neu-rechte Ideologie für deutsche Rechte jeglicher Couleur. Neben einem Akif Pirinçci, der vor allem durch seine politisch entgleisten Pamphlete für Empörung sorgt und fest im Sattle der neu-rechten Szene sitzt, verlegt Antaios auch das umstrittene Buch »Finis Germania« von Rolf Peter Sieferle (über den lupenreinen Antisemitismus & die Relativierungen des Holocaust in »Finis Germania« schrieb ich hier).

»Nur wer anstössig ist kann Anstösse geben.«
»Nur wer anstössig ist kann Anstösse geben.« – Der neu-rechte Verlag Antaios gibt sich als »die einzige Stimme der Vernunft« in Deutschland. Foto: m000x (https://www.flickr.com/photos/159211425@N04/27073324498/)

Was im Oktober 2017 als strategische Publicity für prominente Politiker und Funktionäre der neu-rechten Szene begann, wird auch jetzt in Leipzig eifrig fortgeführt. In Leipzig am Stand des Antaios-Verlag treffen sich derzeit Rechtspopulisten der »Alternative für Deutschland«, Hipster-Rechte der Identitären Bewegung und waschechte Neonazis der NPD und ihrer Gruppierungen. Die dort zur Schau gestellten Literaturthemen reichen von der »Umvolkung Deutschlands« über die »Verschwulung des Abendlandes« (Akif Pirinçci) bis zu altbekannten antisemitischen Verschwörungstheorien (»Jüdischer Bolschewismus – Mythos und Realität?« – Johannes Rogalla von Bieberstein [der umstrittene Historiker Nolte gab sogar ein Vorwort zum antisemitischen Besten]).

Zitat von Hannah Arendt
Innerhalb der neu-rechten Szene sind Zitate von jüdischen Intellektuellen auch immer beliebt, um zu versuchen den Vorwurf des Antisemitismus zu entkräften. Foto: m000x (https://www.flickr.com/photos/159211425@N04/40943866061/)

Rechtspopulisten und Neo-Rechte feiern ihre Präsens auf der Buchmesse Leipzig und werden lediglich durch einige Versuche vor allem linker Gruppen, die gegen die Inszenierung von rechter Literatur zu protestieren, in ihrem braunen Siegesrausch unterbrochen. Das größte Problem bleibt jedoch wieder einmal der Besucher aus der eher unpolitischen Mitte der Gesellschaft, der die Gefahren, die von Antaios, Ares, KOPP und Co. ausgehen, nicht realisieren kann, oder gar will. Denn während die einen derzeit nur Literatur fernab von Politik genießen wollen, versuchen die anderen die Welt der Literatur als Fahrtwasser für rechte Ideologie zu missbrauchen.

 

 

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Der Antisemitismus-Beauftragte – Mit Krokodilstränen gegen den Judenhass

Die Szenen vom 8.12.2017 auf dem Pariser Platz in Berlin, wo 1200 Menschen, vorwiegend Muslime, die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch US-Präsident Donald Trump kritisierten, Israel und Juden den Tod wünschten (laut Berliner Kurier nur vereinzelt) und schließlich eine israelische Flagge verbrannten, ging durch die Medien und lösten in der deutschen Politik eine erneute Debatte über Antisemitismus aus.

Foto – Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus
Muslimische Demonstranten verbrennen eine selbstgemachte Israelflagge auf dem Pariser Platz in Berlin. Foto: Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus

Am 18. Januar 2018 verabschiedete der Bundestag die Einsetzung eines Antisemitismus-Beauftragten. Während CDU, SPD, Grüne, die FDP und sogar die AfD dieser Einsetzung zustimmten, enthielt sich die LINKE, trotz einer »emotionalen« Rede von Petra Pau, obwohl doch sie ausschlaggebend war, dass sich ihre Partei schließlich enthielt. Grund war laut Pau, dass zwei Fraktionen nicht in die Planung des Vorschlags mit eingebunden worden seien: Die AfD und eben auch die LINKE. Pau nannte dies einen Affront gegenüber ihrer Partei, die diesen Vorschlag gerne mitgetragen hätte.

Die linke Tageszeitung taz geht sogar so weit, dass man die Schuld auf die Union, die angeblich ein bestimmte Politik verfolgen würde, geschoben wird: »…keine Zusammenarbeit mit extremen Parteien von rechts und links. Gemünzt ist das vor allem auf die AfD. Doch damit man sich nicht dem Vorwurf einer Lex AfD aussetzt, muss die Linke eben mit dran glauben. Und Grüne und SPD folgen.« Unerwähnt bleibt jedoch vollkommen, dass die »Alternative für Deutschland« (eben jene Partei in der deutsch-nationaler Antisemitismus vermehrt auffällig geworden ist), obwohl sie nicht in den Vorschlag zur Einsetzung eines Antisemitismus-Beauftragten mit eingebunden worden ist, für diesen Vorschlag stimmte. Lediglich die Partei die LINKE enthielt sich am Donnerstag im Bundestag.

Und so zieht sich die linke Partei wieder einmal aus der Affäre, wenn es um Antisemitismus & Antizionismus (Judenhass der als »Israelkritik« getarnt wird) geht. Die Krokodilstränen einer Petra Pau im Bezug auf den immer stärker werdenden Antisemitismus in Deutschland, passen überhaupt nicht mit der Tatsache überein, dass die LINKE diese überaus wichtige Abstimmung für ihren eigenen Polit-Zirkus missbraucht.

Aber vielleicht war es ja doch eine kluge Entscheidung die zwei »extremen« Parteien im 19. deutschen Bundestag von der Planung dieser Abstimmung auszugrenzen. Immerhin ist der sekundäre Antisemitismus sowohl innerhalb der AfD (der lupenreine Antisemitismus von Wolfang Gedeon, oder die Äußerungen von Björn Höcke), als auch in der Partei DIE LINKE (die Fraktion »Ship to Gaza«, oder die Antizionisten rund um den Toilettengate-Skandal), zu finden.

Auch wenn die LINKE sich enthalten hat, wird es in Deutschland bald einen Antisemitismus-Beauftragten geben, aber wird dieser neu geschaffene Posten überhaupt etwas an dem immer häufiger werdenden Judenhass ändern? Die Schweizer Tageszeitung NZZ gibt die wohl beste Antwort darauf: »Der neue Beauftragte wird tun, was er tun kann. Er wird Plakate drucken, Aktionstage veranstalten und Jahresberichte vorlegen. So wie die anderen Beauftragten auch. Seine blosse Existenz wird die Entschlossenheit der gesamten Politik demonstrieren. Und sein Gesichtsausdruck wird sehr ernst sein.«

Doch gegen einen immer offeneren muslimischen Antisemitismus, der bereits im Sommer 2014 während der Operation Protective Edge (מבצע צוק איתן) ganz Deutschland zeigte, wie laut er sein kann (»Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein! / JUDEN INS GAS! / Adolf Hitler, wir brauchen dich! usw.), werden auch die Plakate, Aktionstage und Jahresberichte eines Antisemitismus-Beuaftragten kaum etwas gegen den hier grassierenden Judenhass ausrichten können. Da werden wohl eher Gesetzesentwürfe helfen, die den Vorschlag von CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder umsetzen. Kauder formulierte in einem Interview seine Idee, wie folgt: »Es muss klar sein: Wer in diesem Land leben will, darf kein Antisemit sein. Das dürfen wir nicht akzeptieren«.

 

Finis Germania – Eine Rezension

Gastbeitrag von Eliyahu Richter (Der Wanderprophet) Am Sonntag vor einer Woche ging in Frankfurt am Main die Deutsche Buchmesse zu Ende. Diese wurde in diesem Jahr vor allem von den politischen Anfeindungen und Tumulten überschattet, wie sie sich am Stand des neurechten Antaios-Verlags ereigneten. Zu Beginn der Buchmesse hatte schon der Frankfurter Börsenverein gegen dessen […]

über Finis Germania – Eine Rezension — Die 13 Blumen

Schluss mit Holocaust-Gedenken – Gauland, die AfD und deren Problem mit der Erinnerungskultur

Nächste Woche Sonntag, am 24.9. findet in Deutschland die Bundestagswahl 2017 statt. Der Wahlkampf tritt nun in seine letzte entscheidende Phase, wo alle Parteien noch mal alles geben müssen, um potenzielle Wähler überzeugen zu können. Auch die AfD (»Alternative für Deutschland«) buhlt um ihre potenzielle Wählerschaft in den unterschiedlichen deutschen Groß- und Kleinstädten. Dem ARD-»Deutschlandtrend« (Stand vom 14.9.) zufolge ist die AfD die drittstärkste Partei, die in den deutschen Bundestag einziehen könnte. Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) sprach in einem Interview seine Bedenken über die AfD aus: »Wenn wir Pech haben, senden diese Menschen bei der Wahl ein Signal der Unzufriedenheit, das schlimme Folgen haben wird. Dann haben wir zum ersten Mal nach Ende des Zweiten Weltkriegs im deutschen Reichstag wieder echte Nazis.«, der Außenminister könnte mit seiner Behauptung recht behalten. Vor allem die neuen Äußerungen des AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland werfen erneut die Frage auf, ob sich die AfD überhaupt glaubwürdig von Rechtsextremen abgrenzt, oder sogar abgrenzen kann.

Am 2. September kamen auf dem sogenannten »Kyffhäuser-Treffen« , einer Veranstaltung des Flügels, einer national-konservativen Gruppierung innerhalb der AfD, verschiedene Rechtsaußen-Politiker zusammen, unter anderem Björn Höcke, der am Anfang des Jahres das Shoah-Mahnmal in Berlin als »Mahnmal der Schande« bezeichnete. Darauf beschloss der Bundesvorstand ein Parteiausschluss-Verfahren gegen Höcke«, aber eröffnet wurde dieses natürlich nicht. Alexander Gauland beschrieb Björn Höcke in einem BILD-Interview als »ein Teil der Seele der AfD«. Vielleicht gerade deshalb sind die Äußerungen des AfD-Kandidaten Alexander Gauland nicht überraschend.

 

»Ja, wir haben uns mit den Verbrechen der zwölf Jahre auseinandergesetzt. Und, liebe Freunde, wenn ich mich in Europa umgucke: Kein anderes Volk hat so deutlich mit einer falschen Vergangenheit aufgeräumt wie das deutsche.«

Gauland verzichtet bewusst darauf genauer auf die »Verbrechen der zwölf Jahre« einzugehen. Aber warum? AfD-Sympathisanten werden sicher einwerfen, dass doch jedes Kind in Deutschland wisse, was die Nazis getan haben, ABER, dass das doch schon so lange her ist und man endlich die Vergangenheit ruhen lassen sollte. Kann man die Shoah, den industriellen Massenmord an 6 000 000 Jüdinnen und Juden überhaupt »ruhe lassen«? Können die Verbrechen an Behinderten, Homosexuellen, Roma und Sinti, Regimegegnern, Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen, Zeugen Jehovas und Kommunisten überhaupt verjähren?

Nicht die faschistische Clique um Adolf Hitler allein hat Europa in Schutt und Asche gelegt, hat dabei geholfen so viele Menschen »entsorgen zu lassen« und hat schlussendlich aus Deutschland einen Trümmerhaufen gemacht. Es waren unzählig viele Deutsche, die bewusst und aus vollem Herzen diesem Regime dienten. Technokraten, wie SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, machten den Holocaust doch erst möglich. Ja, die »Verbrechen der zwölf Jahre« waren doch vor allem erst wegen der vielen großen und auch kleinen deutschen Rädchen möglich; auch das verdrängt Gauland hier bewusst. Abschließend nennt er das Dritte Reich und seine Verbrechen schlicht und einfach eine »falsche Vergangenheit«, als wäre Deutschland lediglich falsch abgebogen und anschließend wieder auf seinen »tugendhaften Pfad« zurückgekehrt. Ein Schlag in das Gesicht der Überlebenden und deren Nachkommen, die immer noch unter der »falschen Vergangenheit« der Deutschen zu leiden haben.

 

»Man muss uns diese zwölf Jahre jetzt nicht mehr vorhalten. Sie betreffen unsere Identität heute nicht mehr. Und das sprechen wir auch aus.«

»Ich bin nach ’45 geboren und schulde der Welt einen Scheiß!«, liest man immer mal wieder in sozialen Netzwerken, wie Facebook, oder Twitter. Dieser Satz ist zu einem Standardargument deutscher Rechtspopulisten geworden, wenn es um die Verbrechen der Nazis und den Holocaust geht. Auch ein Gauland nimmt den Kerngedanken dieses so abgrundtiefen falschen Satzes auf und strickt damit seine eigene geschichtsrevisionistische Propaganda, die eigentlich vor allem in Neonazi-Kreisen vorherrscht. Er ist der Meinung, dass Erinnerung endlich ist und es für »patriotische« Deutsche keinen Sinn macht, dass man noch weiter an die Shoah und die anderen Verbrechen der deutschen Nazis erinnert. Immerhin seien ja die deutschen Vorfahren schuld und nicht mehr die heutige Generation.

Es bleibt mir ein Rätsel, wieso Befürworter dieser Zeilen in der notwendigen Erinnerungskultur lediglich einen »Schuldkult« sehen und diesen als »anti-deutsch« verfluchen. Es geht um eine Verantwortung, dass das, was zwischen 1933 – 1945 passierte, niemals mehr geschehen darf. Anscheinend wollen Gauland und seine rechtspopulistischen Anhänger das nicht verstehen, aber vielleicht können diese Menschen das auch gar nicht.

 

»Und deshalb, liebe Freunde, haben wir auch das Recht, uns nicht nur unser Land, sondern auch unsere Vergangenheit zurückzuholen. Wenn die Franzosen zu Recht stolz auf ihren Kaiser sind und die Briten auf Nelson und Churchill, haben wir das Recht, stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen.«

Gauland sieht im Hinblick auf die deutsche Vergangenheit nur Rechte, die Pflichten aber, die sich notwendigerweise aus einer derartigen Vergangenheit ergeben sollten, kehrt er unter den Teppich. Seine Anhänger sollen durch diese Semantik wieder mehr »Selbstbewusstsein« erleben, endlich einmal »nicht mehr schuldig sein«, denn für Gauland ist der Holocaust nur ein lästiges Hindernis für die Entfaltung von »deutschem Patriotismus«. Ganz nach dem rechts-nationalistischem AfD-Slogan: »Hol dir dein Land zurück!«

Ja, einige Franzosen sind stolz auf Napoléon Bonaparte, dem »Empereur des Français«. Aber wissen die Gauland-Befürworter denn auch, dass dieser Napoléon den »Code Civil« einführte (auch im Rheinland): ein bahnbrechendes Zivilrecht, welches Kirche und Staat trennte, eine Zivilehe einführte und den französischen Juden Gleichberechtigung versicherte. Auch ein Winston Churchill, einer der größten Politiker des 20. Jahrhunderts, hat unglaubliches geleistet. Er führte Sozialreformen ein, die im Vereinigten Königreich zu positiven Entwicklungen führten und er kritisierte die fatale Appeasement-Politik seines Vorgängers Neville Chamberlain mit Adolf Hitler und dessen Hunger nach Territorium. Doch Churchill führte sein Land auch durch den harten Krieg gegen Nazi-Deutschland, dessen Beginn er vor dem House of Commons am 13. Mai 1940 mit seiner berühmten »Blood, toil, tears, and sweat«-Rede kommentierte.

In genau diese Traditionslinie stellt nun der AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland die deutsche Wehrmacht, deren Rolle im Zweiten Weltkrieg unter Historikern unumstritten ist. Die oft verbreitete Legende von der »sauberen Wehrmacht« ist ein Mythos, eine bewusste Verharmlosung der Beteiligung der Wehrmacht an den Verbrechen Nazi-Deutschlands. An diesem Abschnitt werden sich wieder Rechtspopulisten und AfD-Sympathisanten echauffieren und kritisieren, dass ihre Väter / Großväter sicher keine Kriegsverbrecher waren und genau das hat auch niemand behauptet, denn nicht jeder Soldat der Wehrmacht war ein Verbrecher, ABER sie waren Teil eines Systems, welches Kriegsverbrechen ermöglichte.

Die Wehrmacht hielt sich systematisch nicht an Kriegsrecht und behandelte dementsprechend Gegner und Gefangene. Außerdem ermöglichte die Wehrmacht überhaupt erst die Verbrechen der SS. Die Wehrmacht war sogar aktiv am Holocaust beteiligt, wie an der Massenerschießung von ukrainischen Juden im Tal von Babyn-Jar am 29. und 30. September 1941, bei der 33. 000 Juden ermordet wurden.

Der AfD-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl 2017 Alexander Gauland fordert also das Recht, hierauf Stolz zu sein?

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Über 33.000 Juden ermordete das Sonderkommando 4a der deutschen Einsatzgruppe C am 29. und 30. September 1941 in der Schlucht Babi Jar bei Kiew. Vom Massaker selbst sind keine Bilder überliefert.

 

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Neu hinab getriebene Opfer mussten sich in der Schlucht von Babi Jar auf die Leichen der zuvor Getöteten legen. Dann erschossen die Deutschen sie aus naher Distanz. So füllte sich die Grube nach und nach mit Leichen.

 

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Kameradschaftsabend des Bremer Polizeibataillons 303, vermutlich in Kiew 1941. Nach einer Massenexekution gab es eine Extra-Ration Alkohol.
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Babij Jar, 2004, Menora aus den frühen 1990er Jahren, Stiftung Denkmal, Lutz Prieß

 

Judenfeindschaft auf Facebook – Gelebter Antisemitismus, seine Vorurteile und die geglaubten Mythen

Schön, dass fisch+fleisch die Artikel der einzelnen Blogger auch immer auf Facebook publiziert, sonst hätte ich wohl kaum die Chance gehabt auf die zahlreichen Perlen aus Deutschland und auch Österreich zum Thema Antisemitismus und Judenhass eingehen zu können. Die gesammelten Beiträge der Facebook-Kommentatoren sind zu zwei Artikeln von mir, die im laufe der Woche auch auf fisch+fleisch und auf deren Facebook-Präsens erschienen sind und zahlreich kommentiert wurden.

Der Artikel »Bist du doch selbst schuld!« – Antisemitismus ein Selbstverschulden der Juden?  behandelt den gegen Juden oft erhobenen stereotypen Vorwurf, dass diese am Antisemitismus »ja selbst schuld seien«, die Facebook-Kommentare machten schlussendlich deutlich, dass die im Artikel vertretende Meinung, dass man Juden immer wieder eine eigene Schuld unterschieben will, leider zutreffend ist.

Mein zweiter Artikel »Bete, Jude!« – Die Geschichte von Rabbi Hagerman handelt von dem Rabbiner Moshe Yitzhak Hagerman, der in einem polnischen Dorf von deutschen Nazis misshandelt und anschließend öffentlich zum Gebet gezwungen wurde, um ihn verhöhnen zu können. Auf diesen Artikel gab es zahlreiche Reaktionen, die vor allem zeigten, wie offen deutsche Facebook-User antisemitische Stereotypen und lupenreinen Judenhass verbreiten.

Natürlich gab es in den Facebook-Diskussionen zu meinen Artikeln auch User, die sich offen gegen den dort verbreiteten Antisemitismus stark machten, diese stellten aber leider doch eher die kleinere Gruppe. Im Verlauf dieses Essays werde ich auf jeweils drei Facebook-Reaktionen zu meinen beiden Artikeln eingehen.

 

»Bist du doch selbst schuld!« – Antisemitismus ein Selbstverschulden der Juden?  

 

  1. Barbara

Barbara

Barbara springt mit ihrem Argument, dass »der Antisemitismus von einer ganz anderen Seite kommt«, nämlich von den »Migranten, die den Antisemitismus mit der Muttermilch aufgesogen haben.«, auf den Zug der Rechtspopulisten auf. Vor allem die angeblichen »Philosemiten« innerhalb der AfD, FPÖ und anderen bekannten Parteien, behaupten gerne, dass der »moderne Antisemitismus« (hat sich Judenhass denn wirklich »modernisiert«?) ausschließlich von Muslimen und ihren linken Helfershelfern ausginge.

Auf den berechtigten Hinweis, dass Antisemitismus auch immer noch in der deutschen Gesellschaft vorhanden ist, reagieren Rechtspopulisten meist identisch, wie die gute Barbara auch, nämlich mit einer patzigen Standardreaktion:

»Ich finde es nicht fair, den schwarzen Peter nur der deutschen Bevölkerung zuzuschieben«. 

Nein, niemand schiebt den »schwarzen Peter« nur der deutschen Bevölkerung zu, aber auch wenn es unter radikalen und vor allem jungen Muslimen einen ausgeprägten Antisemitismus gibt, heißt das nicht, dass man die deutschen Antisemiten, die es sich vor allem in der Mitte der Gesellschaft kuschelig gemacht haben, ignorieren kann.

 

  1. Bernd

Bernd

»„Antisemitismus ein Selbstverschulden der Juden“? Wenn man sich die Aktivitäten von einigen prominenten Juden in der Welt anschaut, liegt das durchaus im Bereich des Möglichen.«, 

die antisemitische Geisteshaltung ist bei dem User Bernd ziemlich deutlich erkennbar, dabei macht er sich kaum Mühe seine Vorurteile zu verbergen.

»Davon abgesehen kann die Unbeliebtheit der Juden bei den Assyrern, den Ägyptern, den Römern bis hin zu den Deutschen wohl kaum in jedem Fall an einer Intoleranz der unterwanderten Völker gelegen haben.«, 

er unterstellt Juden, dass diese andere Völker sogar »unterwandern« würden und nutzt damit eines der beliebtesten antisemitischen Stereotypen des Nationalsozialismus.

Die Nazis waren der Meinung, dass Juden sich wie »Schädlinge« (Juden wurden in der NS-Propaganda meist mit »Ratten« verglichen) in einer Gesellschaft einnisten, aus dieser partizipieren und anschließend das »unterwanderte Volk« in den Untergang reißen würden. Bernd versucht Juden als schädliche Schmarotzer zu diffamieren und dieses unterstellte Verhalten als Grund für Antisemitismus zu deuten.

 

  1. Heinz:

Heinz

Der User Heinz fährt eine ganze Palette von antisemitischen Klischees und Stereotypen über Juden auf, die letztendlich nur belegen, wie stark er in seiner antisemitischen Haltung gefangen ist.

»Die gesamte Film Industrie die sich in jüdischer Hand befindet und einige Groß Bankiers wie Goldman Sachs , Rothschild usw…«,

natürlich dürfen in einem klassischen antisemitischen Kommentar die »Hauptübeltäter« nicht fehlen, nämlich jüdische Großfinanciers, jüdische Banker und Bankunternehmen und schließlich die gesamte amerikanische Film-Industrie.

Sie alle spielen für Antisemiten die entscheidende Rolle für eine allumfassende sogenannte »jüdische Weltverschwörung«. Diese verschwörungstheoretische Idee von einer »jüdischen Clique« wurde in Deutschland unter Hitler und seine Schergen zu einer der beliebtesten antisemitischen Aussagen im Repertoire des NS-Antisemitismus.

»…sowie die ständigen finanziellen Forderungen der wieder Gutmachung der Verbrechen der Nazi`s an Generationen die zu dieser Zeit noch nicht geboren waren sowie der Versuch des ständigen Schüren des schlechten Gewissen´s sowie die Anektion des heute ehemaligen Palestinensergebietes, die Siedlerpolitik die heute betrieben wird , das alles macht die jüdische Bevölkerung – oder ihre Politiker – nicht gerade beliebter.«,

das immer wieder bei Antisemiten vorkommende Argument der »finanziellen Forderung der Wiedergutmachung« nach der Shoah wird oft auch damit verknüpft, dass Juden bzw. Israel das heutige Deutschland mit seiner eigenen Geschichte »unter Druck setzt«, um so finanzielle Mittel »zu erpressen«. Dadurch versucht man Juden als skrupellos zu diffamieren, da sie ja angeblich mit ihren Opfern Profit schlagen wollen. Auch der Nahostkonflikt ist für Antisemiten der ausschlaggebende Garant dafür, warum Juden am Antisemitismus »selbst schuld« sind. Eine objektive Betrachtung der geopolitischen Entwicklungen in Nahost werden von Antisemiten meist gar nicht beachtet, da dadurch das Bild von den »bösen Juden« und den »armen Palästinensern« als klischeehafte Vereinfachung des Nahostkonflikts enttarnt wird.

»Ich kann verstehen dass man den Holocaust nicht vergessen kann und soll, aber die neue Generation sollte doch einen anderen Zugang zu ihrer Geschichte haben und nicht andere Völker als Nazi`s bezeichnen.«

Niemand bezeichnet »andere Völker« als Nazis, auch wird das heutige Deutschland nicht mit dem »Nazi-Deutschland« gleichgesetzt. Junge Israelis reisen gerne nach Deutschland, nicht zuletzt aus dem Grund den familiären Spuren in Europa vor der Shoah auf den Grund zu gehen. Doch der Umgang mit der deutschen Geschichte und eben auch des Holocaust, setzt voraus, dass man weiß, dass in Deutschland von 1933 – 1945 die Nationalsozialisten zahlreiche Unterstützer in der deutschen Bevölkerung hatten, die eben auch den eliminatorischen Antisemitismus mit trugen.

 

»Bete, Jude!« – Die Geschichte von Rabbi Hagerman

  1. Stephan

Stephan

»Ich kann es nicht mehr sehen und hören. Seit Jahrzehnten werde ich mit den Taten mir völlig fremder Menschen malträtiert. Die sind damals alle diesem völlig irren Hitler nachgerannt. Ja, zum Kuckuck!!! Ich kenne keinen Deutschen, der heute vor hat , die Weltherrschaft zu erringen. Und bis auf wenige Spinner glaubt auch keiner mehr, dass die arische Rasse überlegen- wenn nicht sogar göttlichen Ursprungs ist. Und nein!!!! Wir Deutschen wollen keinen Juden töten! Nicht einen!!! Amen«

Was viele Menschen in Deutschland nicht verstehen wollen, oder vielleicht auch einfach nicht können, ist, dass es bei Geschichten aus dem Holocaust nicht um eine plumpe Schuldzuweisungen geht, oder um die abstruse Behauptung, Deutschland wolle wieder zurück zu einer Diktatur und alle Deutsche sind Täter. Doch eben genau das versuchen wutentbrannte Kommentare, wie der von Stephan, Shoah-Erinnerungen zu unterstellen.

Die Erinnerung an die Opfer und auch die Täter der Shoah sollen nicht »malträtieren«, sondern mahnen, aufklären und die Menschen für Antisemitismus und Rassismus sensibilisieren. Der Holocaust wurde Teil der jüdischen, aber auch der deutschen Identität. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob man Täter, oder auch Opfer in der Familie hatte. Die gemeinsame Geschichte verbindet, aber verpflichtet uns auch gleichzeitig. Vor allem, wo doch Menschen, wie Stephan, z.B. der Türkei und Türken oft genug vorwerfen, sie würden sich kaum bis gar nicht mit dem Völkermord an den Armeniern beschäftigen.

Zwar glaubt Stephan und man kann es nur hoffen, dass es keine Deutschen gibt, die Juden ermorden wollen, aber dabei blendet er wohl bewusst, vielleicht auch aus Selbstschutz unbewusst, deutsche Antisemiten aus.

 

  1. Dirk

Dirk 1 + 2

Dirk glaubt auch fest an weit verbreitete antisemitische Stereotypen und die sogenannte »jüdische Weltverschwörung«, die ihre »Fäden in den höchsten Kreisen von Politik und Wirtschaft ziehen«:

»Christen gegen Moslems ! Und wer ist der lachende Dritte ? 🙄🙄🙄🙄 Ich habe mich mit diesem Thema 2 Jahre beschäftigt! Ist leider so !!!! Merkel wird geführt von den Mächtigen! Und wer sind diese ? Banken !!!! Und wem gehören sie ? Genau !!!! Könntest das verstehen !!!!! 🤦‍♂️🤦‍♂️🇩🇪« 

Immer wieder findet man in den Diskussionen über die EU, die Flüchtlingskrise, deutsche Politik und der Kritik an Frau Dr. Angela Merkel antisemitische Tendenzen, Spitzen, oder gar eindeutigen Antisemitismus. Meist unterstreichen Antisemiten ihre Aussagen mit einer angeblichen »gründlichen Recherche«, so wie Dirk, der angibt, dass er sich mit diesem Thema schon ganze zwei Jahre beschäftigt hätte. Doch ernstzunehmend seriöse Quellen, oder Belege dafür, dass wirklich eine »kleine einflussreiche jüdische Clique« die Weltpolitik beeinflusst, werden nie gebracht.

In seinem Kommentar will Dirk auch bekanntes stereotypes Bild pflegen, welches Juden als »Unruhestifter« zeigen will:

»Christen gegen Moslems ! Und wer ist der lachende Dritte ? 🙄🙄🙄🙄«

Die Juden sollen als Sündenbock herhalten, die an den Konflikten, Nöten und Problemen der Welt beteiligt sind, oder sogar die Initiatoren des ganzen Schlamassels sein müssen. Eine solche Annahme verhindert, dass sich Antisemiten mit ihren eigenen und vor allem privaten Nöten objektiv auseinander setzen können. Die sogenannte Sündenbock-Theorie ist auch oft bei syrischen Flüchtlingen zu registrieren, die oft der Annahme sind, dass eben nicht das Assad-Regime, der Islamische Staat, oder Al-Nusra am Leid der syrischen Bevölkerung beteiligt sind, sondern lediglich ominöse Zionisten, die »alle gegeneinander ausspielen«. Das sind die klassischen antisemitischen Denkstrukturen, die es einer Problemlösung schwer machen.

 

3) Doris

Doris

»Ich bin 1959 geboren warum soll ich dafür geradestehen es war nicht richtig und die juden tun mir in der seele leid aber es steht auch in der biebel das der jude auf ewig das verfolgte folk sein wird und waum weil sie gottes sohn an den pfahl gebracht haben.«

Doris repräsentiert mit ihrem Kommentar den Archetypus des christlichen Antijudaismus. Anti-Jüdische Ausgrenzung und gewaltsame Pogrome erklärt sie damit, dass »die Juden Gottes Sohn an den Pfahl gebracht haben«. Damit bedient sich Doris dem mittelalterlichen Vorwurf gegenüber Juden, sie seien »Gottesmörder«. Bis heute wird vor allem in konservativen Kreisen der katholischen Kirche in der Karfreitagsliturgie die Meinung vertreten, dass Juden nicht nur den »Messias Jesus«, sondern sogar Gott getötet haben. Das 2. Vatikanum, besonders der Punkt Nostra Aetate versuchte gegen die pauschalisierte Anschuldigung vorzugehen. Dennoch bleibt der Vorwurf Juden seien »Gottesmörder« bis heute im Standardrepertoire der Antisemiten. Im Bezug auf den Holocaust versucht sich Doris mit der allgemein bekannten Ausrede »Bin nach ’45 geboren und schulde der Welt einen Scheiß«, herauszureden. Wieso sollten sich dann noch Juden, 2000 Jahre nach der Kreuzigung von Jesus, der christlichen Verleumdung aussetzen?

 

Die sechs von mir vorgestellten Facebook-Kommentare, die entweder lupenreinen Antisemitismus pflegen, oder diesen versuchen zu verharmlosen, beweisen exemplarisch, wie stark antisemitische Stereotypen und anti-jüdische Hetze in den deutschsprachigen sozialen Netzwerken verbreitet sind. Erneut wird der Antisemitismus salonfähig, vor allem das Schweigen der liberalen und freiheitlichen demokratischen Gesellschaft trägt dazu bei, dass der Judenhass nicht mehr nur in den radikalen Spektren (extremistische Linke, Rechte und Muslime) zu finden ist, sondern nun auch wieder ein Teil der deutschen Gesellschaft wurde.

»Bete, Jude!« – Die Geschichte von Rabbi Hagerman

Ende Juli Anfang August 1940, also vor 77 Jahren, führten Wehrmacht und Gendarmerie »Vergeltungsaktionen« gegen polnische Juden durch. Damit begannen die Grausamkeiten der Shoah in Osteuropa; der Krieg Nazi-Deutschlands gegen das freie Europa war gerade erst 10 Monate alt.

Deutsche Soldaten und Gendarmen verhöhnten und quälten wehrlose Juden und zu ihrer Erinnerung posierten sie gut gelaunt für das private Fotoalbum. Unter einem Foto auf denen SS-Männer mit Schlagprügel vor knienden jüdischen Männern fuchteln, schreibt einer von ihnen: »Funker Griese belehrt Lubliner Juden mit erhobenem Stock«. Doch was folgte waren nicht einfache »Belehrungen«, sondern unmenschlicher Terror: Razzien, Verhaftungen und Hinrichtungen.

Die deutschen Besatzer lebten ihren wahnhaften und vor allem eliminatorischen Antisemitismus frei und ungehindert aus. In der polnischen Stadt Olkusz (von 1941 – 1945 »Ilkenau«, liegt in der Woiwodschaft Kleinpolen) wurde durch einen Einbrecher ein deutscher Gendarm getötet, daraufhin führte Polizei und Wehrmacht Ende Juli 1940 eine »Strafaktion« durch. Ein Bild davon bleibt dabei am prägnantesten und steht vielleicht sogar sinnbildlich für den Holocaust und das Leid des jüdischen Volkes im 20. Jahrhundert.

Am Morgen des 31. Juli 1940 wird Moshe Yitzhak Hagerman, ein orthodoxer Rabbiner der Stadt Olkusz von deutschen Soldaten und Gendarmen auf den Marktplatz geführt. Er trägt gerade für das traditionelle Shacharit (das jüdische Morgengebet) sowohl den Tallit (jüdischer Gebetsmantel mit schwarzen, oder blauen Streifen), als auch die Tefillin (Gebetsriemen, die sowohl am Kopf, wie am Arm zum Gebet gebunden werden). Sicherlich wurde er von den Soldaten gerade in seinem Gebet unterbrochen, vielleicht sogar auch ein gesamtes Minyan (eine Gruppe von 10 oder mehr Männer, die für das jüdische Gebet in der Synagoge notwendig sind).

Auf dem Boden des Marktplatz liegend, befinden sich alle jüdischen Männer des Ortes Olkusz, also wohl der gesamte männliche Anteil der örtlichen Synagoge. Was nun folgt ist sinnbildlich für den Antisemitismus von Nicht-Juden, der sich durch fast alle Jahrhunderte der menschlichen Geschichte trägt.

Die deutschen Männer fordern den Rabbiner auf zu beten, also das Shacharit »ganz normal« fortzuführen. Aber wie sollte der Geistliche das tun, wo doch seine männliche Gemeinde auf dem harten Steinboden liegt, geschlagen, verhöhnt und zum Teil sogar totgeschlagen (20 Männer wurden auf in Folge dieser »Vergeltungsaktion« auf dem Marktplatz mit Gewehrkolben tot geprügelt)? Seine Tefillin, also die jüdischen Gebetsriemen, sind geschändet worden, wohlmöglich haben Soldaten die Lederkapseln aufgeschnitten und die koschere Pergamentrolle mit einem der wichtigsten Gebete des Judentums entfernt (auf Fotos sieht man, wie der Kopfteil der Tefillin geöffnet ist); es mussten Männer gewesen sein, die sich damit genau auskannten, was Tefillin für uns Juden bedeuten. Die deutschen Soldaten und Gendarmen lachen, als dann doch der Rabbiner in seine Gebetshaltung geht und wohl die Arm-Tefillin zu ende binden will.

Die Nazis wollen nicht nur Jüdinnen und Juden demütigen, sondern in ihrem Wahn auch den Gott Israels verspotten, der in der Stunde der Not seinen Gläubigen wohl nicht zur Hilfe eilt. Doch was betet vielleicht der Rabbiner, gedemütigt und entwürdigt auf dem Marktplatz? Vielleicht einen Pslam, der von Rettung und Tröstung spricht? Oder doch ein Gebet aus den Amidah (Achtzehnbittengebet), der dafür bittet, dass die Verleumder von Gott gestraft werden?

Nein, der Rabbiner Moshe Yitzhak Hagerman wird nur EIN EINZIGES Gebet sprechen, der für die gottlosen Nazis unwichtig und zugleich belustigend wirken wird, aber NICHT für die Gläubigen (sogar für Christen, denn auch für Jesus war es DAS Gebet), denn es ist die ultimative Botschaft Gottes: das Sh’ma Israel. Denn darin offenbart sich uns Juden Gott in seiner Herrlichkeit, Treue und Liebe. Er versichert uns damit, dass wir selbst in der aussichtslosesten Lage nicht allein sind.

Rabbi Moshe Yitzhak Hagerman war wahrlich ein jüdischer Tzadik, ein Gerechter, denn er gab den Leidenden seiner Gemeinde Trost. Der Rabbi wurde schließlich 1942 von den deutschen Nazis in Majdanek ermordet.

»Bist du doch selbst schuld!« – Antisemitismus ein Selbstverschulden der Juden?

»Wer mit Kippa offen rum rennt, der brauch sich nicht wundern, dass er angefeindet wird!«, oder »Die Juden schüren doch den Antisemitismus selbst!!! Die provozieren täglich mit ihrem Gehabe in Palästina!!!« , oder eben auch »Bin ja kein Antisemit, ABER die Juden sind auch nicht unschuldig an ihrer Situation! Und außerdem muss mal gut sein, was können wir Deutschen heute noch für den Holocaust?!«, sind Meinungen, die wohl jeder Jude in Deutschland sicherlich schon mal gehört, oder gelesen hat.

In der letzten Woche berichtete ich über einen antisemitischen Vorfall im Ruhrgebiet und wieder konnte ich, vor allem bei Facebook, derartige Kommentare zum geschilderten Vorfall lesen. Das Fazit der aller meisten, meist deutschen User, war: Der Jude ist am Antisemitismus vorwiegend selbst schuld!

Vor 72 Jahren endete der Zweite Weltkrieg und damit auch die industrielle Vernichtung von mehr als 6 000 000 Juden. Die Shoah (bedeutet im Hebräischen unter anderem »große Katastrophe«) begann nicht direkt mit den »Gaswagen« hinter der Ostfront, den  Massenerschießungen in Osteuropa, oder schließlich mit Zyklon-B-Gaskammern und Krematorien in Auschwitz, sondern mit der gezielten Anfeindung, Ausgrenzung und Schuldzuweisung gegenüber Juden in und außerhalb Deutschlands.

Der »moderne« Antisemitismus vermischt auf perfide Weise den Antijudaismus, vorwiegend aus dem mittelalterlichen Christentum, mit den rassistischen Grundideen des 19. Jahrhunderts. Juden wurden damit zu einer »Rasse« erklärt und die antijudaistischen Stereotypen, die Christen uns gaben, waren damit nun »vererbbar«. Die Nazis wollten mit der willigen Unterstützung vieler Deutscher, das Judentum samt Juden mit »Stumpf und Stil« aus der Welt entfernen. Waren Juden daran nun auch »vorwiegend selbst schuld«?

Deutsche Neonazis sind sich jedenfalls überwiegend einig, dass Juden am Holocaust »selbst schuld« waren, da das »internationale Judentum« mit »Sitz in den USA« einen »Krieg gegen Deutschland anzettelte«. Einzelne Boykott-Aufrufe in den 30er Jahren gegen deutsche Waren als Grund für industriellen Völkermord?

Hier vertauschen Anhänger der Täter-Ideologie Ursache und Wirkung, Opfer und Täter, wie eben auch Wahrheit und Fiktion. Die Wahrheit ist, dass amerikanische Juden als Reaktion auf den offen wachsenden Antisemitismus in Nazi-Deutschland deutsche Produkte in den USA boykottieren wollten. Keine anti-deutsche Agitation des »Weltjudentums« und auch keine Kriegserklärung gegen Deutschland, sondern einfach ein klares, wenn auch vergebenes Zeichen gegen den bedrohlichen staatlichen Antisemitismus der Nazis.

Im Bayrischen Viertel in Berlin erinnern duzende Schilder an den Beging der antisemitischen Ausgrenzung und den Holocaust in Deutschland. Die Nazis wollten Juden von Nicht-Juden trennen und beschnitten deshalb den Alltag deutscher Juden mit unzähligen Verboten, die ein normales Leben in Deutschland unmöglich machten. Gelbe Bänke nur für Juden, Juden war es untersagt an Badeseen und in Schwimmbändern schwimmen zu gehen und selbst die Tierhaltung war für Juden verboten worden. Die Ausübung der jüdischen Religion kam schließlich mit den Novemberpogromen 1938 und den damit verbundenen Übergriffen auf Synagogen (jüdische Bethäuser wurden von Nazis und ihren deutschen Unterstützer einfach abgefackelt) in Deutschland zum Erliegen. Die Nazis verbrannten, schändeten und stahlen Torah-Rollen, Tallitots (jüdische Gebetsmäntel) und andere Judaica-Gegenstände; Martin Luther hätte wohl wegen dieser grausigen Entwicklung Luftsprünge gemacht.

Im Hinblick auf diesen Teil der deutschen Geschichte ist es wirklich unverschämt, wenn Menschen in Deutschland auch heute wieder die Schuld für Antisemitismus bei Juden suchen. Jetzt wird der ein oder andere Leser sich vielleicht denken, dass doch »die Juden« in Israel »wehrlose Palästinenser ermorden« und damit selbst einen »Holocaust durchführen«. Auch diese irrsinnige Argumentation rechtfertigt den Antisemitismus, den es in Deutschland immer noch gibt, nicht im geringsten! Es kann einfach nicht sein, dass die Yarmulke (Jiddisch für Kippah), oder andere Judaica, wie der Davidstern, immer noch in Deutschland als »Freifahrtschein« für offenen Antisemitismus gelten.

Weder die Kippah, noch der Davidstern und schon gar nicht Juden selbst sind der Grund für Antisemitismus, sondern der Antisemit selbst!