»Bete, Jude!« – Die Geschichte von Rabbi Hagerman

Ende Juli Anfang August 1940, also vor 77 Jahren, führten Wehrmacht und Gendarmerie »Vergeltungsaktionen« gegen polnische Juden durch. Damit begannen die Grausamkeiten der Shoah in Osteuropa; der Krieg Nazi-Deutschlands gegen das freie Europa war gerade erst 10 Monate alt.

Deutsche Soldaten und Gendarmen verhöhnten und quälten wehrlose Juden und zu ihrer Erinnerung posierten sie gut gelaunt für das private Fotoalbum. Unter einem Foto auf denen SS-Männer mit Schlagprügel vor knienden jüdischen Männern fuchteln, schreibt einer von ihnen: »Funker Griese belehrt Lubliner Juden mit erhobenem Stock«. Doch was folgte waren nicht einfache »Belehrungen«, sondern unmenschlicher Terror: Razzien, Verhaftungen und Hinrichtungen.

Die deutschen Besatzer lebten ihren wahnhaften und vor allem eliminatorischen Antisemitismus frei und ungehindert aus. In der polnischen Stadt Olkusz (von 1941 – 1945 »Ilkenau«, liegt in der Woiwodschaft Kleinpolen) wurde durch einen Einbrecher ein deutscher Gendarm getötet, daraufhin führte Polizei und Wehrmacht Ende Juli 1940 eine »Strafaktion« durch. Ein Bild davon bleibt dabei am prägnantesten und steht vielleicht sogar sinnbildlich für den Holocaust und das Leid des jüdischen Volkes im 20. Jahrhundert.

Am Morgen des 31. Juli 1940 wird Moshe Yitzhak Hagerman, ein orthodoxer Rabbiner der Stadt Olkusz von deutschen Soldaten und Gendarmen auf den Marktplatz geführt. Er trägt gerade für das traditionelle Shacharit (das jüdische Morgengebet) sowohl den Tallit (jüdischer Gebetsmantel mit schwarzen, oder blauen Streifen), als auch die Tefillin (Gebetsriemen, die sowohl am Kopf, wie am Arm zum Gebet gebunden werden). Sicherlich wurde er von den Soldaten gerade in seinem Gebet unterbrochen, vielleicht sogar auch ein gesamtes Minyan (eine Gruppe von 10 oder mehr Männer, die für das jüdische Gebet in der Synagoge notwendig sind).

Auf dem Boden des Marktplatz liegend, befinden sich alle jüdischen Männer des Ortes Olkusz, also wohl der gesamte männliche Anteil der örtlichen Synagoge. Was nun folgt ist sinnbildlich für den Antisemitismus von Nicht-Juden, der sich durch fast alle Jahrhunderte der menschlichen Geschichte trägt.

Die deutschen Männer fordern den Rabbiner auf zu beten, also das Shacharit »ganz normal« fortzuführen. Aber wie sollte der Geistliche das tun, wo doch seine männliche Gemeinde auf dem harten Steinboden liegt, geschlagen, verhöhnt und zum Teil sogar totgeschlagen (20 Männer wurden auf in Folge dieser »Vergeltungsaktion« auf dem Marktplatz mit Gewehrkolben tot geprügelt)? Seine Tefillin, also die jüdischen Gebetsriemen, sind geschändet worden, wohlmöglich haben Soldaten die Lederkapseln aufgeschnitten und die koschere Pergamentrolle mit einem der wichtigsten Gebete des Judentums entfernt (auf Fotos sieht man, wie der Kopfteil der Tefillin geöffnet ist); es mussten Männer gewesen sein, die sich damit genau auskannten, was Tefillin für uns Juden bedeuten. Die deutschen Soldaten und Gendarmen lachen, als dann doch der Rabbiner in seine Gebetshaltung geht und wohl die Arm-Tefillin zu ende binden will.

Die Nazis wollen nicht nur Jüdinnen und Juden demütigen, sondern in ihrem Wahn auch den Gott Israels verspotten, der in der Stunde der Not seinen Gläubigen wohl nicht zur Hilfe eilt. Doch was betet vielleicht der Rabbiner, gedemütigt und entwürdigt auf dem Marktplatz? Vielleicht einen Pslam, der von Rettung und Tröstung spricht? Oder doch ein Gebet aus den Amidah (Achtzehnbittengebet), der dafür bittet, dass die Verleumder von Gott gestraft werden?

Nein, der Rabbiner Moshe Yitzhak Hagerman wird nur EIN EINZIGES Gebet sprechen, der für die gottlosen Nazis unwichtig und zugleich belustigend wirken wird, aber NICHT für die Gläubigen (sogar für Christen, denn auch für Jesus war es DAS Gebet), denn es ist die ultimative Botschaft Gottes: das Sh’ma Israel. Denn darin offenbart sich uns Juden Gott in seiner Herrlichkeit, Treue und Liebe. Er versichert uns damit, dass wir selbst in der aussichtslosesten Lage nicht allein sind.

Rabbi Moshe Yitzhak Hagerman war wahrlich ein jüdischer Tzadik, ein Gerechter, denn er gab den Leidenden seiner Gemeinde Trost. Der Rabbi wurde schließlich 1942 von den deutschen Nazis in Majdanek ermordet.

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