Kneipengewitter – Deutscher Antisemitismus mit Ruhrpott-Flair

Ein Kneipenbesuch im Ruhrpott ist oft sehr erhellend, da man, wie der christliche Reformator Martin Luther sagte »dem Volk aufs Maul schauen« kann. Doch langweilig sind solche Sauftouren defenitiv nicht.

Wenn man an Kneipen im Rhein-Ruhr-Eck (von Duisburg bis Dortmund) denkt, kommen wohl den meisten Lesern Erinnerungen an verrauchte Spelunken im Tatort »Ruhrort« mit Schimmi (Horst Schimanski alias Götz George [† 19.6.2016]) in den Sinn. Nun gut, verraucht sind diese Kneipen nicht mehr, beherbergen aber oftmals noch den Aschenbecher-Flavour, wie auch die Dekorationssünden der 80er. Vom lauten und grell leuchtenden Spielautomaten an der Wand bis auf die unbequem hässlichen Theken-Hocker, haben die allermeisten Ruhrpott-Kneipen noch ihren klischeehaften Charme.

In Deutschland brodelt es an allen Ecken und Winkeln. Gerade deshalb ist es oftmals interessant zu wissen, was stinknormale Deutsche so denken, außer immer wieder Facebook und Twitter zu bemühen, um dann die immer gleichen wahnhaften Auswüchse lesen zu müssen. Also schnappt man sich Regenschirm und Portmonee (ja, der Sommer ist entflohen) und besucht die nächst beste Kneipe in der Umgebung.

Am Abend des 25.7.17 lief die Live-Übertragung der Frauen-Europameisterschaft, Russland gegen Deutschland, aber mich interessiert Fußball nicht sonderlich. Die »Stammsaufschaft« der Kneipe, diese wird von einem älteren Griechen und seiner Frau betrieben, sitzen an der Theke und süppeln, was sonst in Duisburg, KöPi.

Ein ganz normaler Abend in einer Vorstadt von Duisburg, der Stahlstadt im Ruhrpott. Gespräche gibt es hier kaum, dem Volk kann also nicht »aufs Maul geschaut« werden. Also bezahl ich mein KöPi, nehme meine sieben Sachen und geh aus der Tür.

»Lustiger Hut, den du da trägst«, spricht mich ein älterer Mann an, der gerade seine Kippe raucht und nach mir das Lokal verlassen hat. Es war einer der schweigsamen Stammgäste, der eher verloren in sein Pils-Glas starrte. »Das ist eine Kippah, wir Juden tragen sowas.«, gebe ich ihm kurz als Erklärung zurück. Seine Augen weiten sich, er starrt mich an und geht einen Schritt auf mich zu. Ja, er hatte richtig gehört, ich hatte J-U-D-E-N gesagt und sofort war der »gute« Mann, wie man im Neo-Deutsch sagt »getriggert«.

»Ist mir egal, aber Israel und diesen Netanjaaaahuu hass ich wie die Pest!«, gibt der Mann, der nun weniger freundlich und weniger stumm war, spontan zurück. Da hatte ich mir natürlich wieder was eingebrockt, denn ich hatte wirklich wirklich wirklich vergessen, dass ich noch Yarmulke (jiddisch für Kippah) trug; denn eigentlich versuche ich bei solchen Nachtfalter-Aktionen nicht aufzufallen und eben nur den Beobachter zu spielen. Da ich aber ungern solchen Hass-Bekundungen ausweiche, stellte ich mich mutig diesem »Israel-Kritiker«.

»Wieso hasst du denn Israel und Netanyahu«, die Frage musste ich mehrmals stellen, da der Mann wohl ein Hörproblem hatte, aber dann klappte es irgendwann zum Glück. »Weil IHR da die Menschen einfach abschlachtet! Deshalb hass ich Israel und Netanyahu.«, wow, weil WIR, also deutsche, oder in Deutschland lebende Juden, in Israel gemeinsam mit Benjamin Netanyahu Menschen abschlachten, was ein bombastischer Grund. Danach bat ich den aufgebrachten Schreihals freundlich, er solle doch sein Problem mit Israel und dem Regierungschef näher erläutern.

Er bombardierte mich regelrecht mit allen Stereotypen, die ein, natürlich NICHT antisemitischer »Israel-Kritiker« (AUGENZWINKER und RÄUSPER), so von sich geben kann. Oj weh, wie habe ich mir das nur wieder eingebrockt? Wo sollte ich beginnen und vor allem, wie sollte ich das Gespräch weiter führen? Darum fing ich mit seinem Argument des »Landraubes« an, aber der »gute« Mann konnte kaum was mit meinen Ausführungen anfangen, ihm fehlten die einfachsten Grundvoraussetzungen für einen seriösen Dialog, um den Nahostkonflikt adhoc vor der Kneipe zu lösen.

Auf meine wirklich ernst gemeinte Frage, wer denn vor den Israeliten, Hebräern, Juden & nun auch Israelis (seit 1948 wieder) gelebt hatte, konnte er mir nicht wirklich antworten und schaute mich entgeistert an. Ja, ich habe ihm, dem selbstlosen und seriösen deutschen Israel-Kritiker, Jürgen Todenhöfer würde ihm trotz allem auf die Schulter klopfen wollen, wirklich gefragt, was vorher war. Seine Antwort war simpel, bekannt und vorausschauend: »Palästinenser!«

Natürlich erklärte ich ruhig und sachlich, eigentlich wollte ich nur noch nachhause und die biege machen, dass der Begriff »Palästinenser« eine Erfindung von Yassir Arafat, also eben jenem bekannten arabischen Terrorfürsten und Judenhasser, der sogar (hört hört) den Friedensnobelpreis empfangen hatte, war. Wieder betretendes Schweigen. Man hörte richtig sein Gehirn, die zahlreichen Zahnräder und Dampfmaschinen, arbeiten. Also fragte ich ihn nochmal langsam und höflich, wer denn vor Israeliten, Hebräern, Juden und schließlich Israelis in der Levante, genauer gesagt in Israel (für Christen gerne auch »Heiliges Land«) gelebt hatte.

Nachdenklich schaute er mich an und dachte nach.

Nach einer Minute meinte er: »MENSCHEN!«, unglaublich, denn meine Favoriten-Antwort wäre wohl eher Marsianer, oder Transformers gewesen. »Was für Menschen lebten denn dort?«, beharrte ich weiter auf meinem Wissensdurst dem heldenhaften »Israel-Kritiker« gegenüber. »Ja Menschen halt!«, seine Antwort unterstrich die Ahnungslosigkeit mit der er sogar die Diskussion begonnen hatte. Weiterhin freundlich, denn mit solchen Ruhrpott-Asis, die leider immer mal wieder auffallen, will ich mich sicherlich nicht auch noch prügeln. Also erklärte ich ihm einige Main-Facts über das Judentum und eben auch über den Zionismus. Ein anderer Stammgast, der durch den cholerischen Ausbruch des »Israel-Kritikers« nach draußen gelockt wurde, gab nur von sich: »Oh ha, viele interessante Infos, aber ich bin zu besoffen dafür.«, damit verließ er die Bühne wieder. Schade!

Wenn einem heroischen »Israel-Kritiker« die Argumente ausgehen, dann verfällt er schlicht weg in offenen Antisemitismus, wie eben auch der »gute« Diskussionspartner. »Ihr Juden seit alle FANATIKER! Du bist ein FANATIKER!«, also ist man für einige deutsche »Israel-Kritiker« schon ein Fanatiker, wenn man mit geschichtswissenschaftlichen und theologischen Argumenten gegen hält. Herzlichen Glückwunsch! Schließlich kam der Wirt, eben jener griechisch-stämmige Zapfhahn-Meister nach draußen, um zu schauen, was sein Stammgast da für ein Problem hat. Für alle Leser, die jetzt hoffen, dass der Herr nun schlichtet, muss ich leider sagen: NÖ!

Als ich gerade dem nun in Beleidigungen und Antisemitismus verfallenden Typen klar machen wollte, dass die Bibel, also Torah, Tanach und für Christen eben auch das »Neue Testament« / »B’rit Chadasha« von Judea und Samaria, wie auch Israel und sogar dem Zionismus (ja, damals hieß es eben noch nicht so) spricht, schaltet sich der Wirt ein. »Jesus war kein Jude, sondern Grieche und IHR Juden habt ihn geopfert!«, ja, lesen Sie noch mal diese Aussage. Für den griechischen Wirt war also Jesus, oder Jeschua (im HEBRÄISCHEN [DER Sprache der Juden übrigens]) ein G-R-I-E-C-H-E, also wie der Philosoph Platon, wie der griechisch-spartanische König Leonidas (nicht der Schauspieler Gerard Butler, der ist nämlich Schotte), oder der Schlagerstar Costa Cordalis.

Am Ende musste man den Antisemiten zurückhalten (er wollte mir tatsächlich die »Fresse polieren«) und mir, weil ich als Jude natürlich IMMER schuld haben muss, ein Hausverbot erteilen (weil ich den Stammgast mit meinem Jüdischsein provoziert habe, oder so ähnlich).

Mein »Auf Wiedersehen«-Gruß war nur ein lässiges: »Für Juden verboten« ist so 1933!

Ein etwas anderer Abend im Ruhrpott…

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2 Gedanken zu “Kneipengewitter – Deutscher Antisemitismus mit Ruhrpott-Flair

  1. Hat dies auf philosophia perennis rebloggt und kommentierte:
    „Wenn einem heroischen »Israel-Kritiker« die Argumente ausgehen, dann verfällt er schlicht weg in offenen Antisemitismus, wie eben auch der »gute« Diskussionspartner. »Ihr Juden seit alle FANATIKER! Du bist ein FANATIKER!«, also ist man für einige deutsche »Israel-Kritiker« schon ein Fanatiker, wenn man mit geschichtswissenschaftlichen und theologischen Argumenten gegen hält.“

    Gefällt 1 Person

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