9.11.1938 – Der Abend an dem die Synagogen brannten

Heute jährt sich die »Reichspogromnacht« zum 78. Mal.

Am 9. November 1938 kam es zu den ersten offen gewalttätigen Übergriffen der Nazis gegenüber Juden in ganz Deutschland. Überall im Land wurden Synagogen in Brand gesetzt, jüdische Geschäfte demoliert, Juden inhaftiert und sogar durch den wütenden deutschen Mob ermordet. In der Geschichtswissenschaft beginnt mit den »Novemberpogromen 1938« die Shoah, die deutsche industrielle Vernichtung des europäischen Judentums; auch Holocaust genannt.

Als die Synagogen brannten und die jüdischen Geschäfte in Deutschland geplündert wurden, schalten die Geräusche festlicher Umzüge an die Orte des Schreckens. Denn die Christen feierten Sankt Martin, eben jenes Fest, was einen römischen Offizier gewidmet ist, der Nächstenliebe lebte und nicht zwischen Menschen unterschied. Eine Ironie des Schicksals, denn die Nächstenliebe findet sich in der Torah, eben jenem Schriftstück, dass Deutsche während der Novemberpogrome dem realgewordenen Feuer des Antisemitismus übergaben.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst: ich bin der Ewige.                                                      Kedoschim, Waijkra 19, 18 (Levitikus 19, 18)

Eben nicht nur SA-Männer begingen diese ersten Gräueltaten gegenüber dem jüdischen Volk, sondern auch ganz normale Deutsche – Ehemännern, Familienväter, geliebte Söhne – ganz normale Menschen.

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Brennende Synagoge während der Pogromnacht 1938 in Hannover

Es gibt Berichte, dass Eltern mit ihren Kindern, die Sankt-Martin-Laternen trugen, sich die brennenden Synagogen anschauten. Es gab euphorische Jubelrufe aus dem Publikum und antisemitische Beleidigungen, die die Täter weiter anstachelten. Der systematische Judenhass fand unter den Anwesenden größtenteils Akzeptanz, ja sogar unhaltbare Freude. Die, die sich schämten, dass Menschen, Mittbürger, zu so etwas fähig waren und derartigen Hass zeigen konnten, wandten sich beschämend ab.

In so vielen Autobiographien, wissenschaftlichen Arbeiten und der Weltliteratur wurde der Abend des 9.11.1938 thematisiert. Das deutsche Judentum schrie einen stummen Schrei, einen Schrei, den niemand in Europa vernehmen wollte.

Heute, an diesem 9.11 gedenkt man in Deutschland diesem traurigen Novemberabend, an dem Synagogen brannten und man begann, das jüdische Leben in Deutschland zu beenden.

Wenn ich sehe, dass rechtspopulistische Deutsche erneut durch die Straße marschieren, besonders an einem solchen Tag, dann beginne ich zu weinen. Hat man in Deutschland wirklich vergessen, was vor 78 Jahren passierte, oder ist es schlichtweg nicht mehr wichtig, dass man daran gedenkt?

 

 

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Ein Gedanke zu “9.11.1938 – Der Abend an dem die Synagogen brannten

  1. […] Auch die frühen Boykott-Versuche im April 1933 zeigten, wie die NSDAP immer offener versuchte Stimmung gegen deutsche Juden zu erzeugen. Der April-Boykott scheiterte vor allem daran, da in dieser frühen Phase des Nationalsozialismus die überwiegende Mehrheit der Deutschen noch nicht vom propagierten Antisemitismus »verseucht« waren. Auch die April-Gesetze von 1933 (unteranderem die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April) trugen ihren Teil dazu bei, dass die Stimmung gegen deutsche Juden immer heftiger wurde. Mit dieser Entwicklung, die ihren Höhepunkt in den Nürnberger Rassegesetze (15. September 1935) erreicht, wurden deutsche Juden aus der »völkischen Gesellschaft« Nazi-Deutschlands exkludiert und somit für den späteren Holocaust entmenschlicht. Das diese braunen Bäume reife Früchte trugen, zeigen die Novemberpogrome 1938 ganz deutlich (→ beschrieben in meinem Artikel »9.11.1938 – Der Abend an dem die Synagogen brannten«). […]

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